Gefechtseinsatz

Gefechtseinsatz bedeutete den Einsatz der Kräfte im Krieg, bei Kampfhandlungen. Unsere sozialistische Gesellschaftsordnung war zutiefst human, wir waren gegen den Krieg als Form der letzten Lösung politischer Konflikte. Aber auf Grund der damaligen angespannten Lage und um das Gleichgewicht der Kräfte aufrechtzuerhalten, bereiteten wir, die Streitkräfte der DDR, uns gewissenhaft auf einen möglichen Krieg vor, um damit den Frieden für unser Volk zu sichern. Das nannten wir Abschreckung eines wahrscheinlichen „Gegners“. Dass das auf Grund der hohen Aggressivität der NATO tatsächlich notwendig war, wurde z.B. bewiesen durch die Kubakrise und den Vietnamkrieg sowie bis in unsere Zeit durch den Krieg im Irak.

Um die Streitkräfte eines Landes effektiv auf einen Krieg vorzubereiten, muss sich die Militärwissenschaft tiefgründig mit seinem möglichen Verlauf beschäftigen. Dazu wurden mit Hilfe von Rechnern, später Computern, verschiedene Modelle entwickelt und bei Übungen theoretisch durchgespielt. Im Weiteren wurden dann auch darstellende Kräfte, Stäbe, Truppenteile und Einheiten eingesetzt. Eine der bedeutendsten Übungen der Streitkräfte der Warschauer Vertragsorganisation (WVO)  war aus dieser Sicht die Kommandostabsübung „Sojus 81“ und „WAL 81“ mit darstellenden Kräften in großem Umfang in der Zeit vom 17.03. bis 07.04.1981. Geleitet wurde die Übung durch den Oberkommandierenden der Vereinten Streitkräfte Marschall V. G. Kulikow. Die Schlussfolgerungen daraus wurden durch den Chef der VM, Admiral W. Ehm, in einem Vortrag an der Militärakademie „Friedrich Engels“ der NVA in Dresden 1982 ausgewertet.

Als Ausgangslage für den Beginn eines Krieges wurde angenommen, dass der „Gegner“, also die NATO (Westblock), die Staaten der WVO (Ostblock) angegriffen hat. Diese führten die geplanten Maßnahmen des Übergangs auf die Kriegsstruktur durch und die Streitkräfte, darunter die Vereinte Ostseeflotte (VOF) im Bestand der Baltischen Flotte  der SSKF (1. Flotte), der Polnischen Seekriegsflotte (2. Flotte) und der VM der DDR (3.Flotte) , begannen planmäßig mit den ersten Operationen. Die  VOF führte die 1. Seeoperation durch mit dem Ziel der Abwehr der Angriffe des „Gegners“ und dem Übergang zum Angriff, um die Seeherrschaft in der Vorsundzone und Kieler Bucht zu erringen, damit günstige Bedingungen für die Einnahme der Inseln in der Sund- und Beltzone (BRD und Dänemark) zu schaffen und den Durchbruch der VOF durch die Ostseemeerengen in die Nordsee (Atlantik) zu sichern.

Die Aufgabe der VM bestand in der Abwehr der Schläge des „Gegners“, der Verhinderung des Durchbruchs seiner Schiffskräfte durch die Operationszone (OPZ) der VM in Richtung Osten und der Erringung der operativen Initiative in der OPZ der VM. Mit der Erfüllung dieser Aufgabe rechnete man bis „T 3“ (NATO: „D 3“), also drei Tage nach Beginn der Kampfhandlungen. Die KRT der VM im Bestand von drei Abteilungen hatten dabei in der 1. Phase, Abwehr der Angriffe des „Gegners“, aus den Stellungsräumen Halbinsel Wittow auf der Insel Rügen (2. KRA), Halbinsel Darß (1. KRA), Kühlung (3. KRA) aus den Richtungen Fehmarnsund, Fehmarnbelt, Guldborgsund, Grönsund, Smaalandsfahrwasser und Öresund einlaufende  Schiffsschlaggruppen des „Gegners“ an der Grenze der OPZ der VM vor ihrem Waffeneinsatz gegen eigene Schiffskräfte zu bekämpfen. Die Raketenschläge waren auf maximale Distanz zu führen, um nach der Wiederherstellung der Gefechtsbereitschaft (60 Minuten) die nächsten Schläge führen zu können. Dabei war eine maximale Anzahl von Schiffen und Booten zu vernichten, um den „Gegner“ entscheidend zu schwächen. Zur Aufklärung und zum Erreichen maximaler Schussdistanzen waren die Einsätze der KRA durch fliegende Fühlungshalter sicherzustellen.

In der 2. Phase blieben die Stellungsräume und Aufgaben für die KRT der VM unverändert, wobei die Raketenschläge auf Schiffsgruppierungen des „Gegners“ jetzt im Zusammenwirken mit Schiffsstoßkräften geplant waren. Erwartet wurde eine Verlagerung des Schwerpunktes der Kampfhandlungen gegen Ende der 2. Phase nach Westen in die Mecklenburger Bucht. Damit verbunden war die Vorbereitung der Verlegung der 2. KRA in Richtung Westen.

Plan des Einsatzes der Küstenraketentruppen bei Kampfhandlungen (WS)

Die weitere Aufgabe der VM beinhaltete die Verlagerung der Hauptanstrengungen ihrer Stoßkräfte in Richtung Westen, in die Kieler Bucht und Beltzone, mit dem Ziel der endgültigen Zerschlagung der Seestreitkräfte des NATO- Kommandos Ostseeausgänge in der Mecklenburger und Kieler Bucht, sowie die Vorbereitung der Verlegung von Stoßkräften der VM in die Nordsee. Zeitlich gesehen sollten diese Handlungen bis „T 7“ abgeschlossen sein.

Eine wichtige Voraussetzung für die Erfüllung dieser Aufgabe war die Besetzung der Insel Fehmarn und der Küste der Kieler Bucht durch die Küstenfront der Vereinten Streitkräfte im Verlauf ihrer Angriffsoperation. Für die KRT der VM ergaben sich daraus folgende Aufgaben:

  •  Verlegung der 2. KRA von der Insel Rügen in den Stellungsraum Westfehmarn auf der Insel Fehmarn (oder Probstei) mit der Aufgabe der Vernichtung von Gruppierungen der Überwasserkräfte des „Gegners“ in der Kieler Bucht und der Beltzone im  Zusammenwirken mit den anderen Stoßkräften der VM.
  • Nach Beginn des Gefechtseinsatzes der 2. KRA in der Kieler Bucht Verlegung der 1. KRA vom Darß in den Stellungsraum Probstei (Schönberg- Holstein) mit der Aufgabe siehe 2. KRA.
  • Vorbereitung der Verlegung der 3. KRA aus der Kühlung in einen Stellungsraum an der Küste der Deutschen Bucht

    SSR bei der Entfaltung im Gelände

Zitat des großen Strategen Generalfeldmarschall Graf Helmuth von Moltke: „Kein Schlachtplan überlebt die erste Feindberührung!“

Um die Ergebnisse des Gefechtseinsatzes der KRT zu ermitteln, wurden ihre Gefechtsmöglichkeiten berechnet (Dissertation Kapitän zur See Dr. M. Loleit 1982). Dabei wurden die günstigsten Abwehrmöglichkeiten der durch die KRT mit Raketenschlägen angegriffenen Schiffsgruppierungen des „Gegners“ angenommen, also vom Idealzustand für die Abwehr ausgegangen. Dazu gehörte:

– Das rechtzeitige Ausmachen der anfliegenden Raketen.

– Der effektive Einsatz der gesamten möglichen Technik und Bewaffnung für die Raketenabwehr:

  • Der Fla-Raketensysteme „Standard 1 A“, „Sea Sparrow“, „ASMD RAM“ u.a.
  • Der automatischen radargesteuerten Artilleriesysteme Kaliber 127, 100, 76mm z.B. „OTO Melara Compact“.
  • Der Mittel der Elektronischen Kampfführung (ELOKA): Stör- und Täuschanlage „FL 1 800 S“, Düppeltäuschsystem „Wolke“, Infrarottäuschsysteme.

Ausgehend von diesen Voraussetzungen ergaben sich für die KRT folgende Gefechtsmöglichkeiten:

  • Beim Einsatz  einer KRA mit einer Raketensalve aus 8 Raketen gegen eine Gruppierung mittlerer Überwasserstoßkräfte   im Bestand von 3 Zerstörern/Fregatten des „Gegners“ wurde mit der Vernichtung von 2 Schiffen gerechnet.
  • Beim Einsatz einer KRA mit einer Raketensalve aus 8 Rakete gegen eine Gruppierung leichter Überwasserstoßkräfte im   Bestand von 5 Raketenschnellbooten der Typen  „143“ und „148“ des „Gegners“ wurde mit der Vernichtung von 4 Booten gerechnet.

Diese angeführten Zahlen stellen immer das Minimum dar. Aber erstens bedeutete der Treffer einer Rakete „P-21/22“ in ein Schiff/Boot auf Grund der immensen Sprengladung von 360 kg mit kumulativer Wirkung fast ausnahmslos die Vernichtung des Zieles. Zweitens besaßen die Raketen eine Reflexionsfläche von nur ca. 0,2 m² und flogen die Ziele in einer Höhe von 25 m mit einer Geschwindigkeit von 312 m/s an. Ein Ausmachen durch die Radarstationen der Schiffsgruppierung des „Gegners“ war erst ab maximal 20 km, das Begleiten und Bekämpfen erst ab maximal 10 km möglich, wobei der Einsatz der Artilleriesysteme auf ihre effektive Reichweite begrenzt war. Eine Störung der Zielsuchlenkanlagen der Raketen war so gut wie ausgeschlossen. Dazu kam, dass für die Abwehr die günstigsten Bedingungen vorausgesetzt wurden: Schönes Wetter, alles wartet hochkonzentriert auf die anfliegenden Raketen, Technik und Bewaffnung ist in höchster Einsatzbereitschaft usw. Psychologische Aspekte, wie z. B. die Angst, wurden überhaupt nicht berücksichtigt. Außerdem wurden ensprechend der Abwehrmöglichkeiten des „Gegners“ einzelne Raketen oder Raketensalven mit bis zu acht Raketen aus verschiedenen Richtungen mit minimalen Intervallen gestartet.

Die Praxis der Möglichkeiten automatischer Artilleriesysteme zur Abwehr anfliegender Raketen habe ich selbst erlebt bei einem Raketenschießabschnitt 1980 im Schießgebiet der BF vor der Flottenbasis Baltijsk. Als Chef der  5. RTS- Brigade erhielt ich die Aufgabe, mit einem RS-Boot „Projekt 205“ eine Rakete „P-15“ auf, oder richtig über einen Schiffsverband der VM zu schießen. Die Rakete war dementsprechend vorbereitet: Maximale Flughöhe 300 m, eingestellt auf maximale Flugdistanz 220 kbl (40 km), Gefechtsteil Beton, Zielsuchlenkanlage abgeschaltet.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Schleswig-Holstein_(D_182)
Mögliches Ziel bei einem Gefechtseinsatz: Zerstörer „Schleswig- Holstein“ der Bundesmarine Quelle:  WIKIPEPIA

Beitrag: LS