Das Interview Teil 2

Jablonsky: Kannst Du in wenigen Worten die Etappen der Auflösung des KRR-18 zeitlich umreißen und deren wesentliche Inhalte kurz und anschaulich beschreiben?

Gödde: Es gibt drei konkrete Eckdaten, in deren Folge die schrittweise Auflösung der DDR und damit auch Ihrer Streitkräfte verursacht wurden – das ist der Mauerfall am 9. November 1989, die Wahlen zum 18. März 1990 und der Tag des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990. Außer letztgenanntem Datum, an dem von heute auf morgen sicht- und spürbare Veränderungen in den ostdeutschen Streitkräften und damit auch im Küstenraketenregiment eintraten, waren die Meilensteine davor eher von einer nicht unmittelbaren Veränderung geprägt. Sie waren aus meiner Sicht vorbereitende Schritte zur Schaffung von Bedingungen für einschneidende Veränderungen in der NVA bis hin zu ihrer vollständigen Abschaffung. Also ich kann um diese drei Daten auch drei Etappen festhalten und sie auch mit wahrhaftig wenigen Worten, dafür aber sehr markant charakterisieren:

1. Etappe vom August 89 bis März 90 – Vom Bestentitel direkt in die Staats- und Parteikrise, trotzdem kein Absturz im Regiment
2. Etappe vom April bis September 90 – Irrungen und Wirrungen, aber mit Freiheiten fast ohne Grenzen,
3. und letzte Etappe vom Oktober 90 hinein bis ins Jahr 1998 – ostdeutsches Triple A: Auflösen, Abschieben, Abbauen.

Jablonsky: Wahrhaftig sehr anschaulich. Das musst Du nun etwas genauer erläutern!

Gödde: Ja, gern möchte ich das tun. Es sind seitdem viele Jahre vergangen. Wir leben in einer anderen, neuen Welt. Die Betrachtung der Ereignisse jener Tage haben ich in irgendeiner Form konsolidiert, sie haben sich für mich aber in keiner Weise der neuen Welt angepasst. Deshalb fällt es mir auch nicht schwer die Ereignisse so abzurufen, wie sie sich für mich auch damals dargestellt haben. Das Ausbildungsjahr 1988/89 gestaltete sich zum Erfolgreichsten seit Bestehen des Regiments. Der damalige Kommandeur, Kapitän zur See Dr. Joachim Dix, hatte sich hohe Ziele gestellt und die Truppe zog mit. Die gestellten Verpflichtungen im vielschichtigen Wettbewerb wurden durch die meisten Einheiten Stück für Stück erkämpft, der Raketenschießabschnitt als Höhepunkt der Gefechtsausbildung wurde erfüllt und das Regiment vollendete ihre Erfolgsgeschichte mit der Teilnahme an der Militärparade der NVA anlässlich des 40.Jahrestag der DDR sowie am Auszeichnungsakt für den Titel „Bester Truppenteil“. Dennoch hatten sich die inneren und volkswirtschaftlichen Bedingungen in der DDR im Allgemeinen derart verschlechtert, dass DDR-Bürger die Flucht aus ihrer Heimat als ihren persönlichen Ausweg aus der entstandenen Situation sahen und andere auf die Straße demonstrieren gingen. Letztere wollten lediglich eine bessere DDR, genau wie es ihre Soldaten wollten. Nur die Streitkräfte hatten wahrhaftig nicht die Möglichkeiten das Nationaleinkommen zu erhöhen, im Gegenteil sie reduzierten noch um weitere Millionen den Staatshaushalt. Deshalb sahen wir uns in diesem Konflikt außen vor. Für uns gab es nur das militärökonomische Denken und Handeln, welches wir als Soldaten und Zivilbeschäftigte der NVA wahrhaftig weltmeistermäßig beherrschten. Es ging dann letztendlich in zügigen Schritten von der Parteikrise direkt in die Regierungskrise. Auf alle angestauten Fragen kamen keine Antworten mehr, weder für das Volk der DDR noch für deren SED-Parteimitglieder oder den Soldaten der NVA. Und so nebenbei wurde auch mal die Grenze zur Bundesrepublik am 9.November aufgemacht. Versehentlich, aber unbewusst für die Verantwortlichen war es das Notventil in der gegebenen staatskritischen Situation. Mit diesem Akt hatte keiner gerechnet, weder die DDR selbst noch die ganze Welt. Meine Gedanken: Das war´s! Und dabei meinte ich zu allererst meinen Beruf, nach wenigen Tagen erweiterte ich meine Gedanken und bezog dies auch auf die gesamte NVA und die DDR. Und so tat sich ein großer Widerspruch in mir auf: auf der einen Seite das bankrotte Partei- und Staatssystem der DDR, auf der anderen Seite der Bestentitel mit allen seinen positiven Errungenschaften im Küstenraketenregiment. Mit anderen Worten die DDR stürzte ab, aber die NVA stand, mit wenigen Ausnahmen, ihren Mann. Im Gegenteil, die neu eingesetzte NVA-Führung entfernte die Verwaltung 2000, die Politorgane und löste die Streitkräfte von der SED. Die Einheiten, Truppenteile und Verbände existierten weiter. Viele Kommandeure ergriffen selbst die Initiative und führten Gefechtsausbildung und nun auch staatsbürgerlicher Ausbildung fort. Und da nun in der NVA ein doch spürbares „Stühlerücken“ begann, kam auch meine Stunde. Ich wurde völlig unerwartet Kommandeur des Küstenraketenregiments der Volksmarine. Mit den Wahlen zur Volkskammer im März 1990 begann die nächste Etappe in der Entwicklung in der NVA und somit auch im Küstenraketenregiment 18. Ein Pfarrer wurde Minister für Abrüstung und Verteidigung. Die Reihenfolge der Dienstbezeichnung sprach Bände. Bis zum heutigen Tag kann ich die, mit diesem Ereignis verbundenen Politik nicht nachvollziehen. Wollte Eppelmann die NVA tatsächlich reorganisieren und sie seinen Aussagen nach stark reduziert und reformiert in ein vereintes Deutschland einbringen oder sie parallel zur Bundeswehr existieren lassen oder wohlmöglich politisch und auch physisch abschaffen. Ich vermute heute noch, er wusste es selbst nicht und als er sich entschlossen hatte, waren, wie man in religiösen Kreisen pflegt zu sagen „alle Messen gesungen“ und er wurde dann auch nicht mehr danach gefragt. Andere hatten das Ruder der Macht ergriffen. Deshalb habe ich mir auch erlaubt diese Etappe der Abrüstungen als „Irrungen und Wirrungen“ zu bezeichnen, in der die DDR-Streitkräfte sicherheitstechnisch und vereinigungsreif abgerüstet wurde. Es ging drunter und drüber. Für mich als letzter Kommandeur hieß es nun nicht alles in diesem Befehls- und Informationschaos meinen Unterstellten wissen zu lassen, sondern nur das, was für das Regiment Sinn macht und für das persönliche Weiterkommen jedes seiner Angehörigen außerhalb der Streitkräfte wichtig war. Wenn ich mir vorstelle, wenn damals die Informationsflut durch Internet, soziale Netzwerke und durch die Massenmedien (Fake-News) so wie sie heutzutage präsent gewesen wären, würden sicherlich diese gesellschaftlichen Prozesse in eine andere, vermutlich nicht mehr kontrollierbare Richtung entglitten. Das Besondere in dieser Etappe war eine ganz eigenartige Situation, die bis hin zum 3. Oktober 1990 anhielt. Weil diese Etappe so unübersichtlich sich darstellte, war Diensttun und Ausbildung das einzig Richtige, um diesen Zeitabschnitt zu überbrücken. Und das generell Neue dabei war, dass in diesem Zeitabschnitt von April bis einschließlich September 1990 so gut wie alles (im positiven Sinne) möglich war.

Jablonsky: Kannst Du das mit ein paar Beispielen belegen?

Gödde: Wir konnten ungestört Ausbildung durchführen, es gab keine Einschränkungen und keine Störfaktoren. Alle Anträge wurden genehmigt. Da der Personalbestand stetig sank, weil keine personellen Auffüllungen mehr stattfanden, führten wir das Prinzip der Doppelverwendungen ein. Nahezu jeder Berufssoldat übernahm eine zusätzliche Funktion, entweder auf der Startrampe, auf einem mobilen Gerätesatz bei der Nachrichtenübermittlung oder eine weitere Funktion in einem Lager. Und so fand auch dezentral die Ausbildung statt. Einzelne Startrampen verlegten zur Ausbildung an die Küste nahe Neuhaus, die Besatzungen der Raketentransporter und Startrampen übten die Beladung in unserem Nahausbildungsgelände und befähigte Offizier wurden als Hebezeug- und Kranführer in der 6. Flottille ausgebildet. Ich persönlich ließ mich von meinem Oberoffizier für Finanzen in die Geheimnisse der Bewirtschaftung der Haushaltskonten einweisen, denn er sagte im Sommer 1990 dem Küstenraketenregiment ade, weil er in einer Rostocker Bank eine Anstellung erhielt. Die zusätzlichen Funktionen ließen wir uns selbstverständlich vom Arbeitgeber auch vergüten. Zu anderen Zeiten wäre so etwas unvorstellbar gewesen. Den Höhepunkt unserer Ausbildung stellte die letzte Übung am 10. September 1990 dar, an der alle 10 Startrampen plus notwendige Unterstützungskräfte teilnahmen. Wir nutzten diese Übung um erst- und letztmalig einen Raketenschlag im Bestand eines Regiments durchzuführen. So etwas wurde zuvor nie durchführt, war auch taktisch gesehen unzweckmäßig. Aber 10 Startrampen zusammen auf einem Übungsplatz nahezu synchron Gefechtshandlungen ausführen zu sehen, zeigte uns ein letztes Mal, über welche Schlagkraft das Küstenraketenregiment zu seiner Zeit verfügte. Zum Abschluss der Übung kamen wir in gemütlicher Runde zusammen und verabschiedeten uns von uns selbst. Wir klappten damit das Geschichtsbuch des KRR-18 zu. Alle Kommandeure vor mir hätten uns für dieses freizügige Reglement nicht nur beneidet, sondern es wäre gar nicht in Betracht gezogen wurden. Standen doch damals Zwänge und Einschränkungen, begründet durch Gefechtsbereitschaft, DHS sowie politischen oder aus anderen Sicherheitsgründen, auf der Tagesordnung, die in dieser Zeit so gut wie kein Hindernis darstellten. Es war die Zeit der wahrhaftig unbegrenzten Möglichkeiten. Wir nutzten die Zeit, um uns in erster Linie zu beschäftigen. Nichts tun und nur über eine unbestimmte Zukunft tagein tagaus zu spekulieren war nicht unser Ding. Wir waren eben aus einem anderen Holz, ließen uns nicht gehen und motivierten uns selbst, bereiteten uns auf den sich zum Vereinigungstag immer mehr abzeichnenden eigenen Abgang in Würde vor.

Jablonsky: Und wie gestaltete sich die von Dir erwähnte letzte Etappe mit den drei A?

Gödde: Kurz und bündig. Die dritte und letzte Etappe vollendete die begonnene Abrüstung des Truppenteils. Wir unterstanden dem neu gebildeten Marinekommando Rostock und bekamen zur Seite eine vierköpfigen Unterstützungsgruppe, die die Auflösung des KRR-18 fortsetzte. Zwar lief dieser Prozess nicht so zügig, wie es sich das Bundeswehkommando Ost vorgestellt hatte, früher oder später erfüllten sie ihren Auftrag dennoch. Bis zum Jahresende 1990 war so gut wie der gesamte Personalbestand entlassen. Ein Nachkommando von 18 Soldaten und allen 56 Zivilbeschäftigte setzte die Restauflösung und Materialabschiebung fort. In den Jahren von 1993 bis 1998 wurde das gesamte Objekt, außer dem Medizinischen Punkt und einigen Betonstraßen, total abgerissen und rückgebaut. In wenigen Jahren wird kein Mensch mehr vermuten, dass in  jenem Waldstück zwischen Rövershagen und Gelbensande an der Bahnhaltestation Schwarzenpfost einst ein schlagkräftiger Raketentruppenteil der DDR-Volksmarine stationiert war.

Jablonsky: Die Ernennung zum Kommandeur des KRR-18 war für Dich ein absoluter Höhepunkt in Deiner Karriere. Du warst noch relativ lebensjung im Dienstalter und im Dienstgrad. Stimmt das so? Kannst Du das noch weiter ausführen bzw. begründen?

Gödde: Selbstverständlich war es der Höhe- und gleichzeitig der Abschlusspunkt in meiner militärischen Laufbahn. Auch war ich erst 37 Jahre alt geworden. Aber dieser Karriereschritt war in keinster Weise so vorgesehen. Ich wurde nur Kommandeur eines Kampftruppenteils der Volksmarine, weil mein Kommandeur die Situation in der sich abzeichnende gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR richtig erkannt hatte und mir das entsprechende Vertrauen entgegengebracht, dass ich die Periode der Auflösung des Regiments „erfolgreich meistern“ würde. Darüber zu spekulieren, ob der normenklaturmäßig vorgesehene Stabschef, Fregattenkapitän Ralf Brennecke, als Nachfolger die Aufgabe genauso oder besser erfüllt hätte, halte ich für sinnlos, und ich habe sie durch meine Zusage auch nicht mehr als diskussionswürdigt betrachtet. Ich habe ein gutes Verhältnis auch mit dem Stabschef gepflegt und kann mich auch nicht in irgendeiner Form negativ dazu äußern, dass er mir meine Entscheidung übel genommen hätte. Es war so und ich habe meinen Auftrag erfüllt. Die Zeit meiner Regentschaft war kurz, aber sehr nachhaltig und sie hat mir für mein Verständnis in punkto Menschen- und Truppenführung für mein gesamtes weitere Berufsleben sehr viel gegeben. Was ich nicht brauchte vorab erst zu erlernen, das war Verantwortung zu übernehmen und dieser auch gerecht zu werden. Ich wurde in das Küstenraketenregiment durch Empfehlung meines ehemaligen Freundes und Studienkamerads Wolfgang Schädlich geholt, als es galt den Truppenteil fach- und führungsmäßig im Bereich der Raketenbewaffnung zu stärken. Wolfgang wurde anschließend ins Ministerium versetzt. Ich war, genauso wie er, ein ausgebildeter Raketenspezialist und hatte vor der Versetzung den verantwortungsvollen Posten des Leiters der Unterabteilung RWTD der 6. Flottille inne. Planmäßig wäre ich sicherlich Kommandeur oder Stabsoffizier in den Rückwärtigen Diensten der Schnellbootsflottille geworden. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt – welch´ lebensnaher Ausspruch von Wilhelm Busch.

Jablonsky: Der Titel Deines ersten Buches lautet „Eine Eliteeinheit der NVA rüstet ab“. Militärwissenschaftlich war es in der NVA absolut ungewöhnlich, von „Elite“ zu sprechen. Man bemühte sich vielmehr, die Bedeutung des optimalen Zusammenwirkens aller Mittel und Kräfte für den Einsatzerfolg zu betonen. Stimmt das so?

Gödde: Du hast Recht, der Begriff „Elite“ wurde im Zusammenhang mit dem taktischen Einsatz verschiedenartiger Flottenkräfte in einem Seegefecht niemals verwendet. Gerade das gleichwertige Zusammenwirken unterschiedlicher Waffengattungen und Dienste brachte die Gefechtsmöglichkeiten umfassend zum Tragen und wurde deshalb planerisch koordiniert und faktisch in Übungen immer wieder praktiziert. Überwasser-, Marineflieger- oder Küstenraketenkräfte, die sogenannten Stoßkräfte der Volksmarine, konnten in diesem Zusammenspiel ihre Unzulänglichkeiten minimieren und ihre Stärken voll ausspielen, was bei einer Massierung immer zum Erfolg auf dem Seekriegsschauplatz geführt hätte. Und gerade weil sich keiner über den anderen stellte, wird vermutet, dass diese Denkweise sicherlich in Kampfhandlungen von Vorteil gewesen wäre. Es gab deshalb in der gesamten NVA keine Elite-Einheiten, selbst die Fallschirmjäger oder Kampfschwimmer wurden offiziell nie als Elite bezeichnet. Dass sich diese selbständigen Truppenteile und Einheiten intern eventuell als Elite bezeichneten, ist möglich, es gibt dennoch keine Dokumente darüber, in denen das in irgendeiner Form nachhaltig festgehalten wurde. Das die Marine und die Luftstreitkräfte für einen Außenstehenden diese attraktiver erschienen ließen als Pionier- oder Straßenbautruppenteile mögen sicherlich verständlich sein, sind aber im Grunde genommen sehr relativ. Auch ein echter Pionier hat seinen Stolz und wird zu Recht nichts auf seiner Truppen kommen lassen. Mit diesem fehlenden elitären Gedankengut lebte die gesamte NVA und es gab in dieser Beziehung weder Auswüchse noch Privilegien, die mir in den zwanzig Jahren meiner Zugehörigkeit zur NVA bekannt geworden wären.

Jablonsky: Warum sprichst Du dennoch von Elite? Warum war das KRR-18 eine „Elite- Einheit“?

Gödde: Ja und Nein. Warum das KRR-18 keine Elite-Einheit zu NVA-Zeiten war, habe ich gerade beantwortet. Zu keinem Zeitpunkt seiner Existenz ist die, doch im Sozialismus selten benutzte, Wortverbindung in den Mund genommen worden. Erst als das Regiment schon nicht mehr existierte, wurde es sozusagen postum zur Elite-Einheit. Und das möchte ich auch begründen: Mein erstes Buch musste einen Titel bekommen. Der von mir eingebrachte Vorschlag „Auf verlorenem Posten“ wurde durch den Verlag in die heutige Betitelung umbenannt, also aus reinen vertrieblichen Gründen. Die Vermarktungschancen unter meinen Vorschlag wurden als sehr gering eingeschätzt. Eine Elite musste her. Und diesem Gedanken stimmte ich nach kurzer Überlegung zu. Ja, wir waren eine Elite, auch wenn wir nicht als Sieger, Märtyrer oder als Helden aus unserer eigener Abschaffung hervorgegangen sind. Wir haben einen Jahrzehnte lang geführten „Kalten Krieg“ verloren ohne einen Soldaten zu opfern. Und wie wir das bewerkstelligt haben ist, meiner Meinung nach, mehr als elitär. Und wenn ich die Entwicklung der letzten zehn Jahre betrachte und da fange ich im Jahr 2001 mit der Wiederentdeckung unserer ersten und letzten Startrampe in Dresden an, so beweist der bis heute hinein bestehende Truppengeist des Küstenraketenregiments um so mehr, dass wir eine Elite-Einheit waren und es auch noch heute sind. Ich bin überzeugt, viele ehemalige NVA-Angehörige werden diesen Begriff einer Elite jetzt genauso und wesentlich öfter gebrauchen, als sie ihn je in den Mund genommen haben, als sie noch die NVA-Uniform trugen. Und das zu Recht.

Jablonsky: Praktisch fiel Deine Ernennung zum Kommandeur des KRR-18 zusammen mit der Auflösung von allem, was Dein Leben ausgemacht hatte: Warschauer Vertrag (WVO), UdSSR, DDR, NVA, VM und KRR-18. Hast Du diese Auflösung(en) auch als persönliche Niederlage, Kränkung oder Verletzung empfunden?

Gödde: Auf diese Frage zu antworten ist wahrhaftig nicht leicht. Der aufmerksame Leser meines ersten Buches wird nur durch die Gesamtheit der Darstellungen meine Meinung zu diesem Thema andeutungsweise erahnen können. Das erste Buch hatte auch nicht das Ziel die Gefühlswelt eines ehemaligen NVA-Regimentskommandeurs zu beschreiben, der seine Berufung, seine Truppe und vor allem sein Vaterland verloren hat.

Da nun, mehr als 20 Jahre vergangen sind, und Du diese Frage so direkt stellst, kann ich nur eine Verbindung zwischen den Tatsachen deutscher Nachkriegsgeschichte zu den in diesem Zusammenhang mit einfließende Gesamtspektrum menschlicher Emotionen für meine Person schon recht anschaulich herstellen. Und da reicht das Spektrum vom einfachen Glücksgefühl bis zur abgrundtiefen Verachtung, ja teilweise bis zu Hassgefühlen gegenüber der westlichen Welt, die ich selbst nie meinem direkten Gegner in der Konfrontationssituation Ost gegen West entgegengebracht habe. Er wurde zu jener Zeit immer als gleichwertiger Gegner bewertet. Das Gefühl der Niederlage, der Kränkung oder der persönlichen Verletzung sind lediglich Schattierungen zwischen diesen Polen. Ich kann nicht oft genug erwähnen, dass Deutschland im 20. Jahrhundert gleich zweimal sich hat hinreißen lassen so viel Unglück und Leid, so viel Tod und Verbrechen über die Menschheit zu bringen, dass es mich noch heute wundert, wie das in der jüngsten Vergangenheit und in der Gegenwart ausgeblendet wird. Hier geht es nicht um das sogenannte „ständige Aufwärmen“ geschichtlicher Tatsachen um die angebliche Schlechtigkeit des deutschen Wesens in Erinnerung zu rufen, sondern hier geht es um die kausalen Zusammenhänge des Ursache-Wirkung-Prinzips. Wenn man über Vereinigung spricht, dann muss man mindestens bei der Teilung anfangen und darf sich nicht nur einen gerade genehmen Brocken der Gegenwart herauspicken und darauf eine einseitige Diskussion führen. Das ist eine menschliche Eigenschaft, die durch die geringe Informationstiefe unserer schnelllebigen Zeit umso mehr beflügelt wird. Ich zähle deshalb auf jeden Fall die Entwicklung Deutschlands nach 1945 einschließlich der Geschichte des „Kalten Krieges“ dazu, die heute nahezu vergessen und sehr einseitig dargestellt wird. Und nun ist es dazu gekommen, dass dieses Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte 1990 ohne Gewalt, ohne kriegerische Kampfhandlungen beendet wurde. Darüber bin ich froh und das ruft auch in mir bis heute ein Glücksgefühl hervor, es hätte ja auch alles anders kommen können. Kaum war aber der strategische und politische Gegenpol weg, führt die westliche Welt auch unter der Beteiligung Deutschlands schon wieder Kriege. Und wenn es heißt der islamische Fundamentalismus ist heutzutage daran schuld, dann sollte man mit der gleichen Akribie, wie man Kriege vorbereitet und durchführt, sich auch mit den Ursachen für diese asymmetrische Kriegführung beschäftigen. Flugzeuge stürzen nicht einfach so in New Yorker Wolkenkratzer. Auf die Frage des „Warum?“, da wird fast ein Jahrzehnt offiziell keine Antwort gegeben, obwohl jeder Husten der Higher Society in der exklusiven Berichterstattung ausgiebig kommentiert wird. Die Weltöffentlichkeit wird bewusst hinters Licht geführt und für dumm verkauft. Und das ruft Abscheu, ja Hass hervor. Gleiche Gefühle hatte ich auch, als sich das DDR-Volk dem Westen förmlich vor die Füße warf und einen Einigungsvertrag sich zusammenschustern ließ, der das Papier nicht wert war, auf dem er geschrieben wurde. Das Eigenartige heute daran ist, dass die, die damals zu tiefen sozialistischen DDR- Zeiten ihre Heimat verabscheuten, heute oft diejenigen sind, die am meisten sich nach der DDR zurücksehnen und auf die Bundesrepublik schimpfen.

Auch die Folgen der deutsch-deutschen Einigung bekamen alle DDR-Staatsdiener zu spüren – in der Form wie sie „abgerüstet“ wurden (zuerst Degradierungen im Dienstgrad mit anschließenden Massenentlassungen), was sie wert waren (geringfügige Abfindungen und lebenslange Rentenkürzungen) und welchen Platz sie nun einzunehmen haben (Angehörige einer sogenannten fremden Streitkraft ohne Rechte und Traditionen). Schikane, Unterwürfigkeit, Demütigung sind auch Empfindungen, die in den Tagen nach der Vereinigung meine Gefühlswelt bestimmte. Und hier beziehe ich nicht die „oberen Spitzen der DDR-Nomenklatura“ ein, die es sicherlich nicht besser verdient haben sich vor bundesdeutschen Gerichten verantworten zu müssen, sondern ich meine all diejenigen, die pflichtbewusst und arbeitsam tagein, tagaus ihren Auftrag erfüllt hatten.

Die Abrüstung der NVA wurde nach wenigen Monaten als angebliche Erfolgsmeldung einer gelungenen Vereinigung zweier zuvor sich feindlich gegenüberstehenden Armeen in einem deutschen Vaterland gewürdigt und abgehakt, die Abwicklung der DDR –Volkswirtschaft war noch von ganz anderen „Höhepunkten“ begleitet. Mit großem Argwohn nahm ich die Machenschaften der Treuhand zur Kenntnis und alle Aktivitäten der Spekulanten, Betrüger und der Wirtschaftskriminellen, die massenhaft die DDR überschwemmten, um sich egoistisch am großen Vereinigungskuchen zu bedienen. Andere meldeten sich schlaumeierisch in allen Medien zu Wort, hatten überhaupt keine Ahnung von der DDR, haben nie einen Tag in der DDR gelebt, und wollten nun der „unterbelichteten“ DDR-Bevölkerung eines Besseren belehren. Das rief in mir tiefste Verachtung und Abneigung hervor. Es gab auch, zu meinem Glück, einige sehr vernünftige und angenehme Mitbürger aus dem Westen. Ihre Zahl war leider in meinem persönlichen Umfeld handverlesen.

Abschließend möchte ich erwähnen, dass eigentlich direkt nach der Vereinigung wenig Zeit dafür übrigblieb, sich mit den erwähnten Gefühlen auseinanderzusetzen. Wir wussten, wie der Kapitalismus funktioniert und stürzten uns in neue Berufe, um sich selbst weiterzubilden, Fuß zu fassen und unsere Familien ein ordentliches Leben zu gewähren. Und heute habe ich die „wahrhaftig demokratische“ Wahl zwischen Annahme oder Ablehnung. In der Regel werden die Beiträge zu diesem Thema durch mich annahmeverweigert“, weil sie immer wieder enttäuschend sind, oft unwahr, teilweise mit dem typischen DDR-Spott versehen sowie der Lächerlichkeit preisgegeben oder, das andere Extrem, als SED-diktatorisch abgestempelt werden.

Jablonsky: Sehr interessante Gedanken, von seltener Ehrlichkeit mit einer sehr persönlichen Note. Themenwechsel: In Deinem Brief vom 13.06.2011 benutzt Du den Begriff „Nibelungentreue“ als Sonderform von Treue. Was verstehst Du unter Treue? Worin unterscheidet sich Nibelungentreue von Treue?

Gödde: Diese Frage möchte ich auch nur so weit beantworten, wie ich sie in besagtem Brief angeschnitten habe, denn das Thema ist auch sehr ergiebig. Der Komplex „Nibelungentreue“ taucht in diesem Brief in folgendem Zusammenhang auf: Ich wohne und arbeite mehr als zwei Jahrzehnte in der Nibelungenstadt Worms, bin gemeinsam mit meiner Frau Mitglied des Förder– und Freundeskreises der Nibelungenfestspiele und habe ganz einfach vor die literarischen Werke über das Küstenraketenregiment gemeinsam mit den anderen Autoren den Nibelungenfreunden unter der Losung „Nibelungentreue?“ vorzustellen. Einen Teil des Erlöses möchte ich gern dem Förderverein spenden. Deshalb meine schriftliche Anfrage an Dich, was Du von diesem Ansatz hältst und ob dieser Begriff über die wünschenswerte Buchlesung in Worms stehen kann. Selbst heute wird der Weihnachtsmarkt in Worms unter dem Logo „Nibelungenweihnacht“  vermarktet. Ich glaube das ist noch streitbarer, ja unpassend sogar Weihnacht mit den Nibelungen zu verbinden. Bis heute habe ich selbst noch keinen substanziellen Ansatz aufgreifen können, um dieses Ansinnen wirksam zu verpacken. Deshalb möchte ich auch nicht auf die anderen Teilfragen antworten.

Jablonsky: Die Auflösung welcher Institution empfindest Du als Verlust? WVO?, UdSSR?, DDR?, NVA?, VM? Warum?

Gödde: Die Frage ist so kurz und prägnant, aber sie zu beantworten ist wahrhaftig nicht einfach. Ich komme nicht umhin sie in eine entsprechende Gedanken zu strukturieren, selbst unter der Folge, dass nicht immer ein und dasselbe Ergebnis heraus kommt.

1. Gedanke: Von allen Institutionen, auch wenn ich sie bis zum KRR-18 herunterbreche, kann keine von ihnen herausgenommen und gesagt werden, die war sowieso überflüssig und stellt somit keinen Verlust da. Das geht so nicht, denn alle Organisationen waren komplexer Natur und damit untrennbar miteinander verbunden.

2. Gedanke: Historisch-epochal gesehen muss die Frage auch nicht unter dem Aspekt des Verlustes, sondern des Zugewinns gesehen werden. Das macht aber nur Sinn, wenn gleichartige Institutionen der Gegenseite, die ja lediglich das Gegengewicht darstellten, abgeschafft worden wären. Das ist aber nicht erfolgt. Die einen – WVO, UdSSR, DDR, NVA, VM – wurde zwangsweise aus der Kräfteverhältnissituation der Welt verhandelt und dann aufgegeben. Es dauerte auch gar nicht lange und schon entstand ein Machtvakuum. Die NATO und der ganze westliche militärische und Sicherheitsapparat hatte auf einmal seinen bisherigen Feind verloren und irrte herum, bis der islamische Fundamentalismus sich mit seinen Terrorakten zu Wort meldete. Aber gegen diese Bedrohung war die NATO nie geschaffen wurden und zweckbestimmt.

Über die erfreuliche Tatsache, dass mit Wegfall des Ostblocks (WVO) die historische Trennung Deutschlands überwunden wurde, habe ich mich ja schon geäußert.

3. Gedanke: Er beinhaltet die politisch-ökonomisch Betrachtung. Hier spielen lediglich die Staaten UdSSR und DDR eine Rolle, wobei die Sowjetunion sicherlich die gewichtigere, aber nicht unbedingt die vorbildlichere Rolle inne hatte. 1977 verließ ich nach einem fünfeinhalbjährigen Studium die UdSSR, hatte viel erlernt und eine Vielzahl von positiven Eindrücken über dieses riesige Land erfahren. Ich sprach die russische Sprache und habe die Worte „russische Seele“ wesentlich besser verstanden. Dennoch kam ich zu der eigenständigen und fundamentalen Einschätzung, dass diese Supermacht am Alkohol und an ihrer Misswirtschaft zu Grunde gehen wird. Und so kam es auch, und da halfen auch nicht die weltbesten Waffensysteme, die wir in der NVA nutzten und beherrschten. Die Sowjetunion zerfiel im Prinzip schon seit ihrer Entstehung, nur keiner wollte es wahrhaben und sie riss in den 80-iger Jahren, verstärkt noch durch Glasnost und Perestroika, unvorbereitet die sozialistische Staatengemeinschaft dann mit sich. Also ist unter diesem Aspekt der Verlust der UdSSR der ausschlaggebende und nachhaltigste Faktor, wenn man nach der Antwort sucht worin der hauptsächliche Verlust liegt.

4. Gedanke: Nun wurden der Hauptverursacher des Verlustes ermittelt , aber das heißt noch lange nicht, dass alles das, was der Sozialismus hervorgebracht hatte, als minderwertig deklariert und abgeschafft werden muss. Und das ist nun der letzte Gesichtspunkt – die individuelle Betrachtungsweise. An dieser Stelle könnte jetzt ein neues Buch entstehen, wenn man sich mit dieser Frage ernsthaft beschäftigen würde. Da ist aber der Zug abgefahren. Diese Frage wurde durch die Bundesrepublik rein politisch und unumkehrbar gelöst. Sie wird sich biologisch von ganz alleine klären, leider.

Für mich persönlich ist die Auflösung der DDR der größte Verlust. Ich bin in diesem Land geboren, habe alle „Stationen“ eines DDR-Bürgers durchlaufen, habe eine solide (übrigens, wie sich erwiesen hat, für alle Gesellschaftformationen anwendbare) Ausbildung genossen und hatte studienbedingt meine komplette Jugend in Aserbaidschan verbracht. Ich konnte viele DDR- Mitmenschen, die ich persönlich nie kennengelernt habe, gar nicht verstehen, weshalb es sie immer in die Ferne gezogen hat (Reisefreiheit). Ich war immer froh im Urlaub zu Hause und nach erfolgreichem Studium wieder in der DDR zu sein.

Am Schlimmsten war für mich der Verlust meines Vaterlandes – der DDR, der ich als Soldat die Treue geschworen hatte. Es ist nicht einfach, wenn man dem Schicksal der gesellschaftlichen Veränderungen hilflos ausgesetzt ist. Aber auch da kann man sich selbst helfen: Ruhe bewahren und nie aufgeben. Den Verlust des Vaterlandes habe ich versucht mit einem Zielsatz zu kompensieren: „Es ist kein Krieg und ich werde dafür sorgen nicht zu den Verlierern zu gehören.“ Dafür muss man etwas tun. Und nichts anderes habe ich auch von Anbeginn meiner aktiven Dienstzeit in der ehemaligen DDR getan. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Jablonsky: Eure Leute gingen doch an Land; sie waren auf Urlaub zu Hause und in Ihren Betrieben? Was haben denn die erzählt, von dem, was in der DDR passiert? Und die Berufssoldaten? Die sind doch auch nicht blind durch die Botanik gelaufen! Was habt Ihr denn von der Misere des letzten DDR-Jahrzehnt mitbekommen?

Gödde: Ich versuche Dir die Antwort wie folgt zu geben: Die amerikanische Bank Lehman Brother geht Pleite, ein kapitaler und weltweiter Wirtschaftsabschwung, eine handfeste Finanzkrise und die weiter existierende große Gefahr desaströsen Schulden, kapitaler Staatspleiten und arbeitsplatzvernichtender Machtkämpfe an den Kapitalmärkten – von der Wertigkeit ein, in keinster Weise dem des Zusammenfalls des Ostblock nachstehendes, Ereignis der gesamten Weltgemeinschaft. Und jetzt sitzt Dir gegenüber ein Offizier der US-Navy. Stell´ ihm bitte die gleich Frage! Das, was er Dir antwortet, wird so ähnlich sein, was ich Dir auf diese Frage antworten würde: Nichts genaues, er wäre sicherlich von seinem Staat nicht weniger überzeugt, als ich es war. Nur ein kleiner Unterschied: Die Vereinigten Staaten von Amerika hätten, selbst unter den desaströsen Bedingungen einer kapitalen Finanzkrise, niemals ihre Soldaten so „abgefrühstückt“ wie es die letzte Regierung der DDR und die neue Regierung der Bundesrepublik mit den NVA-Angehörigen getan hat.

Ich könnte über diese Thema sehr viel erzählen. Aber es soll nicht der Eindruck entstehen, dass ich mit meinem jetzigen Leben irgendwie unzufrieden sei und das mich meine eigene und stolze Vergangenheit derart belastet, dass es mir schwerfällt unter den neuen Bedingungen zu leben und zu arbeiten.

Jablonsky: Ich hätte es mir schon gewünscht aus historischer Sicht Deine Gedanken festzuhalten, aber vielleicht finde ich mal eine Berufssoldaten der westlichen Welt, hoffe aber sehr, dass uns das angedeutete Ereignis erspart bleiben mag. Dennoch möchte ich eine letzte Teilfrage zu diesem Themenkomplex stellen, die die wirtschaftlichen Probleme in den Streitkräften betrifft. Schließlich gab es doch auch dienstliche Probleme: Einsatz in der Volkswirtschaft, Verknappung Motorstunden, Verlängerung Indiensthaltungszeiten usw.

Gödde: Mein Dienst als Offizier in der 6. Flottille im August 1977 begann nicht auf den Wellen der Ostsee, sondern als Erntekapitän beim VEB Getreidewirtschaft Rügen. Über einen Monat betreute ich ca. 30 Grundwehrdienstleistende und Soldaten auf Zeit aus der 6.Flottille, die bei der Einbringung der Ernte abkommandiert waren. Es war u.a. eine meiner schönsten Zeiten bei der Marine. Die Matrosen waren in der Regel als Mähdrescherfahrer eingeteilt und versahen an den unterschiedlichsten Orten der Insel Rügen und des Kreises Grimmen über 5-6 Wochen diese Tätigkeit. Dazu wurde mir aus meiner zukünftigen Dienststelle – der RTA-6 ein geländegängiges Führungsfahrzeug vom Typ P-3 und ein Matrose als Militärkraftfahrer zu geteilt. Zuerst war ich über die doch sehr kurzfristig anberaumte Kommandierung und über die überraschende Verwendung als „Wirtschaftshelfer“ verwundert, aber dann sagte ich mir: Besser kann es doch gar nicht kommen! Hier stichpunktartig die Vorteile und Freuden dieses Einsatzes in der Volkswirtschaft:

  • Verantwortung und Führung von 30 Matrosen
  • Koordination aller Aktivitäten mit dem VEB Getreidewirtschaft
  • Kennenlernen der Insel Rügen
  • Selbständige Arbeitseinteilung, um gestellte Aufgaben zu erfüllen
  • Erhalt einer Prämie für vorbildliche Pflichterfüllung als Erntehelfer

Ich wohnte später dann auch in der Kreisstadt Bergen, und wenn ich bei einem Spaziergang Dieter Bunge – den damalige Leiter der VEB Getreidewirtschaft Rügen – traf, dann freuten und unterhielten uns über den damaligen erfolgreichen Einsatz. Mit einem Dankschreiben an meine Dienststelle Tilzow trat ich, mit ein paar Wochen Verspätung, meinen nun echten „Militärdienst“ an. Wenn heute so mancher die Nase rümpft oder lacht, ja sogar Bücher geschrieben werden über eine anzuzweifelnde Einheit von Armee und Volk in der ehemaligen DDR, so kann ich dem nur wiedersprechen. Ich habe sie defacto erlebt, wie Soldaten und LPG-Angehörige in Spitzenzeiten wie z.B. bei der Ernteeinbringung oder auch später bei den Katastropheneinsätze des Winter 1978/79 Hand in Hand zusammenarbeiteten. Und ich finde das bis zum heutigen Tag richtig, konnte auch beim Jahrhunderthochwasser an der Oder 1995 nichts anderes empfinden. Das gilt eigentlich immer, solange die nationalen Streitkräfte eines Landes der allgemeinen Wehrpflicht unterliegen. Soviel zu den damaligen Einsätzen in der Volkswirtschaft.

Einige Worte zum Umgang mit den Ressourcen und Limitierungen. Die Anordnung Nr.80 des jeweiligen Ausbildungsjahres legte in der Anlage eindeutig fest, wie damit umzugehen ist. Dort stand genau drin, wieviel Raketen, Torpedos, Minen im Ausbildungsjahr zur Gefechtsausbildung einzusetzen sind, auch die Anzahl der Munition zum Artillerieschießen, selbst die Motorenstunden der Schnellboote und aller anderen Schiffe und Boote der VM waren limitiert. Auch unsere Startrampen hatten eine Nutzungsdauer von 10 Jahren. Mit Ablauf dieser Zeit, wurden die Startrampen durch den Hersteller auf „Herz und Nieren“ technisch überprüft und für eine weitere Nutzungsperiode freigegeben. Und so verhielt es ich mit allen Raketen, der gesamten Bewaffnung und Munition in der ganzen NVA. Das hatte alles militärökonomische Gründe und die Lage wurde von Jahr zu Jahr leider angespannter. Das wiederum rief nicht nur Improvisationsgeist hervor und belebte die gesamte Neuererbewegung, sondern veranlasste die Kommandeure Entschlüsse zu fassen, die eine effektive Ausbildung nach sich ziehen musste. Jeder Schuss sollte ein Treffer sein, ansonsten hatte man in der Vorbereitung nicht alles unternommen, um den notwendigen Stand der Gefechtsausbildung zu erreichen. Es war nicht möglich irgendwie aus dem Vollen zu greifen. Deshalb störte es mich, als im Zusammenhang mit den ersten Gesprächen mit Offizieren der Bundesmarine im September 1990 diese mit dem Kopf schüttelten und sich darüber mokierten, wie so etwas möglich sein kann. Heute hat die Bundeswehr vermutlich noch schlimmere Einschnitte in ihren Limitierungen und Engpässen als sie die NVA je gehabt hat. Aufmerksam verfolge ich die Meldungen, dass sogar die Politik Teile der Bundeswehr in den Krieg nach Afghanistan schickt, wohlwissend, dass ihre Soldaten dafür unzureichend ausgerüstet sind und diverse Kampfmittel zur Aufgabenerfüllung nicht bereitgestellt wurde. Den unzureichenden Stand der Ausbildung kann ich davon nur ableiten. Was soll ich dazu jetzt noch sagen, nur hoffen, dass diese Unzulänglichkeiten schnellstens abgestellt werden, denn die Soldaten müssen das in einem Krieg in der Regel mit Ihrem Leben bezahlen. Da kann ich heute kein Verständnis aufbringen, wenn ich mir die Überheblichkeiten aus dem Jahr 1990 in meine Erinnerung zurückrufe.

Jablonsky: Zum Abschluss möchte ich noch eine Zusatzfrage stellen, sozusagen eine außerhalb der Wertung. Ihr schreibt derzeit an der kompletten Geschichte Eurer Truppe. Ich möchte Euch, als Autorenkollektiv, bei Eurem Vorhaben unterstützen, finde das sehr vernünftig und sinnvoll. Wenn das Buch auf dem Markt ist, welche Vorhaben in Bezug zur Geschichte der KRT der VM hast Du noch im Ansinnen?

Gödde: Es gibt noch eine Reihe von offenen und interessanten Fragen zum Thema KRT. Da wird es sicherlich weitere Beiträge und Zusätze zur SKA geben. Ich würde mich sehr freuen, wenn sich die Angehörigen dazu melden würden, um die spärlichen Beiträge im Weiteren ergänzen zu können, war doch die Literaturbasis sehr beschränkt und die Interviews mit verantwortlichen Zeitzeugen sehr kurz. Außerdem liegen die Ereignisse noch weiter in der Vergangenheit zurück.

Interessant ist auch noch die Herstellung eines ganzen Dokumentarfilms über die Schlagkräfte der VM. Ein Konzept existiert und Filmmaterial ist auch zur Genüge vorhanden. Wir werden sehen. Am Interessantesten sind Reisen in die Länder, in denen unsere Bewaffnung zu Testzwecken und zur Informationsgewinnung übergeben wurden, um mit den Menschen wieder in Kontakt zu kommen, die einst am Tisch in meinem Dienstzimmer in Schwarzenpfost gesessen haben. Ihre Eindrücke würde ich genauso gern, wie 1995 in den USA, aufnehmen und darüber berichten. So habe ich Israel und Großbritannien im Sinn, aber auch eine Reise in das russische KRR in Donskoje nahe Kaliningrad, mit denen wir einst Gefechtsaufgaben gemeinsam erfüllten. Ob uns die Zukunft oder Vergangenheit dort erwartet, hängt sicherlich auch von uns und den gegebenen Bedingungen zum Zeitpunkt unserer Reise ab. Aber sie gemeinsam mit Lothar Schmidt, Wolfgang Schädlich und Achim Dix zu unternehmen wäre ein großer Wunsch in meinem Leben.

Von großem Interesse wären auch für mich unterschiedliche sozial-statistische Erhebungen zu unternehmen, was aus unseren Angehörigen geworden ist. Ein höchst interessantes Anliegen, welches die Wertigkeit und die Qualität der Menschen des KRR-18 hinsichtlich der gesellschaftlichen Veränderungen beschreiben könnte und vieles mehr.

Zuallerletzt würden mich auch die Inhalte der Testberichte interessieren, soweit wir dann auch im Jahr 2025 auf diese Zugriff haben werden. An anderer Stelle dieser Website ein Schreiben des Sicherheitsbeauftragten der Abteilung Rüstung im BMVg. Es heißt also Geduld aufbringen und ob es klappt, steht auch noch in den Sternen. Eins ist aber schon jetzt sicher – es besteht bei allen Seiten, die unsere Bewaffnung in den Fingern und unter die Lupe genommen hatten ein besonderes Sicherheitsinteresse, sonst wären diese Informationen nicht unter Verschluss.

Mit Abschluss dieses Interviews möchte ich an den Gesprächsführer und Freund Walter Jablonsky eine Bitte äußern: Im Namen der drei Autoren des vorliegenden Buches und als Kenner der Streitkräfte der WVO im Allgemeinen und der NVA und VM im Besonderen bitte ich Dich ein Nachwort für diese Buch zu verfassen.

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