Einsatz der KRT im Zusammenwirken

Einsatz der Küstenraketentruppen im Zusammenwirken
Autor: Dr. Harald Genzow, Kapitän zur See a.D., Dipl.-Ing., Dipl. rer. mil.

In diesem Beitrag wird insbesondere auf den taktischen Einsatz des Küstenraketenkomplexes „Rubesh“ eingegangen, da dieser Komplex den letzten Stand der Technik in den Küstenraketentruppen (KRT) der Volksmarine dokumentierte und bis zu ihrer Auflösung im Bestand war. Die hervorragenden Taktisch- technischen Eigenschaften (TTE).

Die TTE dieser Raketenbewaffnung bildeten die Grundlage für die in der Gefechtsvorschrift der Küstenraketentruppen festgelegten Einsatzprinzipien.

Die wichtigsten dieser TTE waren:
1. Eine hohe Mobilität, die es ermöglichte, in kürzester Zeit günstige Startpositionen entlang der Küste einzunehmen und   in wenigen Minuten von der Marsch- in die Gefechtsbereitschaft überzugehen.
2. Die Fähigkeit sowohl zum selbstständigen Einsatz der KRT unter Nutzung der eigenen Beobachtungsmittel als auch zum gemeinsamen Einsatz mit anderen Stoßkräften.
3. Die große Reichweite der Raketen, die es ermöglichte, Seeziele in der gesamten Operationszone der VM von Land aus zu bekämpfen.
4. Die Möglichkeit zur Auswahl der Startposition hinter Dünen und anderen Erhebungen bis zu 10 km landeinwärts, die das Aufklären und Bekämpfen der Startrampen von See aus für den „Gegner“ nahezu unmöglich machte.
5. Die Einsatzmöglichkeit der Raketen gegen Seeziele aller Art in Einzelstarts sowie in Salven.
6. Eine hohe Treff- und Vernichtungswahrscheinlichkeit der Raketen, bedingt durch aktive und passive Zielsuchlenkanlagen im zielnahen Flugabschnitt, geringe Marschflughöhen in der autonomen Flugphase und große Zerstörungskraft der Gefechtsköpfe.
7. Die Möglichkeit zur gleichzeitigen Bekämpfung mehrerer Ziele in einer Gruppe durch genaue Zielzuweisungen an die einzelnen Startbatterien.

Ausgehend von diesen TTE konnten folgende Einsatzprinzipien formuliert werden:

  • Der massierte Raketeneinsatz zur Erzielung eines größtmöglichen Bekämpfungsgrades des Zieles.
  • Das Nutzen des Überraschungsmomentes.
  • Die Vernichtung des Zieles in kürzester Zeit.
  • Die Gewährleistung des ökonomischen Einsatzes der Rakete.

Der Gefechtseinsatz der KRT erfolgte überwiegend in 3 Etappen:

  • Die taktische Entfaltung der Startbatterien in die Wartestellungen, die sich unweit der geplanten Startstellungen in Geländeabschnitten mit guten Tarnmöglichkeiten befanden.
  • Die Einnahme der Startstellungen durch die Startbatterien, die Herstellung der Startbereitschaft der Startrampen und Raketen sowie die Bestimmung der Schussparameter: Peilung und Distanz zum Ziel, Bewegungselemente des Zieles und meteorologische Daten.
  • Der Raketenstart, der Marsch zu den Beladepunkten und anschließend in neue Wartestellungen.

In Abhängigkeit von der Zusammensetzung und dem Abwehrpotential des zu bekämpfenden Zieles sowie der zur Verfügung stehenden Zeit handelten die KRT selbständig oder im Zusammenwirken mit anderen Stoßkräften der Volksmarine.

Selbständige Einsätze einer Küstenraketenabteilung (KRA) waren zur Bekämpfung von Seezielen mit geringen Abwehrmöglichkeiten vorgesehen, z.B. Handelsschiffe, einzelne kleine oder mittlere Kriegsschiffe, oder, wenn aus Zeitgründen keine gemeinsamen Schläge mit anderen Stoßkräften organisiert werden konnten. Dabei erfolgte die taktische Entfaltung auf der Grundlage der Angaben der operativen Aufklärung. Nach der Einnahme der Startstellung durch mindestens eine Startrampe führte diese die Zielsuche mit der eigenen Radarstation „Garpun“ durch, ermittelte die Schussparameter und übermittelte diese an die anderen Startrampen, die nach dem Ausmachen des Zieles sofort ihre Startstellungen bezogen und die Gefechtsbereitschaftsstufe 1 herstellten. Die Startstellungen der Batterien konnten mehrere Kilometer auseinanderliegen. Die Zielverteilung und die Schlagzeit, der Zeitpunkt des Eintreffens der Raketen am Ziel, wurden durch den Kommandeur der KRA befohlen. Bei sehr schwacher Raketenabwehr des Zieles waren aufeinanderfolgende Einzelstarts vorgesehen, die es ermöglichten, das Resultat des vorangegangenen Raketenschlages zu berücksichtigen. Zur Bekämpfung starker Kampfschiffsgruppen oder Geleitzüge des „Gegners“ war der gemeinsame Einsatz der KRT mit anderen Stoßkräften der Volksmarine, z.B. Schiffsschlaggruppen (SSG) im Bestand von Raketen- und Torpedoschnellbooten (RS-Boote und TS-Boote), Jagdbombenflugzeugen und Kampfhubschraubern der Marinefliegerkräfte vorgesehen. Insbesondere das Zusammenwirken mit den Schiffsschlaggruppen bei der Durchführung gemeinsamer, gleichzeitiger oder aufeinanderfolgender Schläge steigerte die Effektivität des Einsatzes aller beteiligten Kräfte erheblich und war fester Bestandteil der taktischen Ausbildung beider Waffengattungen. Dabei erwies es sich als vorteilhaft, dass führende Offiziere des KRR-18 zuvor in der 6. Flottille der Volksmarine ihren Dienst versehen hatten und daher mit der Taktik der Schiffsschlaggruppen vertraut waren.

Beim gemeinsamen Einsatz der KRT und der Schiffsstoßkräfte wurde wie folgt gehandelt:

  • Das Entfalten der KRA und der SSG in die jeweils zweckmäßigen Ausgangspositionen.
  • Das gemeinsame Nutzen der Ergebnisse der taktischen Aufklärung und die Übermittlung der Zielparameter an die zusammenwirkenden Kräfte.
  • Die Organisation des gleichzeitigen Eintreffens der Raketen der KRT und der RS- Boote am Ziel oder von aufeinanderfolgenden Schlägen in zweckmäßiger Reihenfolge mit minimalem Zeitintervall.
  • Das Nutzen der Minimierung der Abwehrmöglichkeiten des „Gegners“ im Ergebnis des Raketenschlages für den Einsatz der TS-Boote zur Ausweitung des Erfolges und zur Nachaufklärung.

Auch für den Einsatz der RS-Boote konnten bei Notwendigkeit durch die vorangehende Vernichtung der mit Seezielraketen bewaffneten Kampfschiffe des „Gegners“ durch die KRT günstige Bedingungen geschaffen werden.
Das taktische Zusammenwirken einer KRA und einer SSG wurde überwiegend durch den Chef der SSG organisiert.

Ein wesentlicher Vorteil des taktischen Zusammenwirkens der KRT mit den Schiffsstoßkräften ergab sich durch den Einsatz von RS-Booten und TS-Booten als Fühlungshalter. Das sind vorgezogene Beobachter, die das Ziel begleiten und seinen Standort sowie die Bewegungselemente, Kurs und Geschwindigkeit, laufend übermitteln. Dadurch war es möglich, die maximale Reichweite der Raketen auszuschöpfen bzw. die aktive Radarabstrahlung durch die Startrampen zu vermeiden.

Die Methoden des Einsatzes der Fühlungshalter glichen denen, die beim Einsatz einer SSG genutzt wurden. Hatte die Startbatterie (KRB) Radarkontakt zum Fühlungshalter, wurden die vom Fühlungshalter übermittelten Zielparameter, Peilung, Distanz vom Fühlungshalter zum Ziel, Kurs und Geschwindigkeit des Zieles, zusammen mit den eigenen Messwerten in die Waffenleitanlagen der Startrampen eingegeben und daraus die Schussparameter errechnet, ohne selbst direkten Radarkontakt zum Ziel zu haben.
Befand sich die Startposition der KRB an einem vom Fühlungshalter gut zu beobachtenden markanten Küstenvorsprung, konnten von diesem durch die grafische Auswertung des Zieldreiecks die für die KRB erforderlichen Schussparameter bestimmt und übermittelt werden. In diesem Fall war die aktive Abstrahlung durch die Radaranlage der KRB nicht erforderlich, wodurch dem „Gegner“ die Aufklärung wesentlich erschwert wurde.
Der gemeinsame Einsatz der KRT mit Marinefliegerkräften (MFK) sah in erster Linie die Organisation aufeinanderfolgender Schläge vor, wobei die KRT zuerst die Luftabwehr der Zielgruppe durch einen Raketenschlag herabsetzten oder ausschalteten. Wenige Minuten später griffen dann die Jagdbombenflugzeuge oder Kampfhubschrauber die verbliebenen Ziele der Gruppe mit ungelenkten Raketen, Bordwaffen oder Bomben an.
Ähnlich wie beim Zusammenwirken mit Schiffsstoßkräften führten die Fliegerkräfte die Nachaufklärung durch.  Das Zusammenwirken der Kräfte bei diesem gemeinsamen Einsatz organisierte der Chef der Flotte.
  Ein wesentlicher Bestandteil des Gefechtseinsatzes der KRT war die Organisation der taktischen Sicherstellung. Sie beinhaltete sowohl die taktische Aufklärung, auf die bereits eingegangen wurde, als auch die Luftabwehr, die taktische Tarnung und den Funkelektronischen Kampf. Hierfür standen den KRT tragbare Fliegerabwehrraketen, aktive und passive Radaranlagen, gedeckte Nachrichtenmittel, Tarnnetze u.a. Mittel zur Verfügung. Die taktische Sicherstellung wurde durch den Kommandeur des KRR-18 und die Kommandeure der KRA organisiert. In den folgenden Kapiteln wird ausführlicher auf die Sicherstellung eingegangen. Abschließend schätze ich ein, dass die großen taktischen Möglichkeiten und das gut ausgebildete Personal der KRT die operativen und Gefechtsmöglichkeiten der Stoßkräfte der Volksmarine wesentlich positiv beeinflussten. Die KRT gehörten zu den modernsten und kampfstärksten Kräften der Volksmarine wie auch der anderen Flotten des Warschauer Vertrages.

Gestaltung aller Schemata: Wolfgang Schädlich, Fregattenkapitän a.D., Stabschef des KRR-18. (September 1983 bis Oktober 1988)

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