Point Mugu (Waffentest in den USA)
Im Gegensatz zu Deutschland, wo Raketen, Startrampen, Zubehör und Material nur wenige 100 Kilometer transportiert werden mussten, sah es bei der Verlegung der Technik über den Atlantik schon anders aus. Zwischen Deutschland und den USA wurden Verträge über die Lieferung der Technik und dazugehöriger Komponenten geschlossen.
Niederschrift des Vertrags zwischen den Verantwortlichen der Bundesrepublik Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika zur Lieferung von „STYX“ Raketensystemen und zugehöriger Ausrüstung.
In Vorbereitung dieser Maßnahmen wurden in den betreffenden Einheiten der NVA die interessanten Waffenbestände, Technik und zugehörigen Komponenten begutachtet.
Dieses Fernschreiben informierte mich, Kommandeur des KRR-18, FK Klaus-Peter Gödde, vorab darüber, dass am 20. März 1991 eine US-amerikanische Delegation sich zur Besichtigung der Kampftechnik anmeldete.
Meine Erinnerungen an diesen Tag habe ich im Buch „Eine Elite-Einheit der NVA rüstet ab“ im Kapitel – Das Nachkommando – niedergeschrieben. ![]()
Hier ein Auszug:
— Die Amerikaner kommen:
Ein Kleinbus rollte durch´s KDL, hielt vor dem Klub und aus dem Fahrzeug stiegen mehrere Zivilisten. Wer hätte das je gedacht, Amerikaner im Küstenraketenregiment. Wir saßen im Besprechungsraum des Klubgebäudes zusammen. Wie es der Zufall wollte, frischte ich seit einem knappen halben Jahr mein Englisch etwas auf. Fast jeden Abend lernte ich vor dem Schlafengehen Vokabeln, Grammatik und Redewendungen. Ich hatte zwar sechs Jahre Englisch in der Schule gelernt, aber ohne Praxis verkümmerte die Fähigkeit, sich auszudrücken, recht schnell.
Zu Besprechungsbeginn begrüßte ich die Gäste in Englisch. Oberbootsmann Radtke hatte mir bei der Vorbereitung etwas geholfen.
Ich erinnere mich aus dem gesamten neunköpfigen Team nur an drei Gesichter. Den korpulenten Mr. Brattin konnte man nicht übersehen. Er verfügte von der amerikanischen Seite über den größten technischen Sachverstand. Ihn sollte ich später wiedersehen. Auch der stellvertretende Marine- und Luftwaffenattaché von der amerikanischen Botschaft, Mr. Arthur Craig Griffin, blieb im Gedächtnis. Fregattenkapitän Frank vom FüM II/1 kannte ich schon.
Mein Englisch erwies sich dann doch nicht als so perfekt, dass ich alles verstehen und auffassen konnte. Korvettenkapitän Griffin und Fregattenkapitän Frank dolmetschten. Drei Gesprächskreise befassten sich mit Detailfragen. Alle Teilnehmer besichtigten anschließend die Startrampen, die Regelhalle, die Raketenhallen und die Tankplätze. Sie lernten den gesamten Technikpark für den Komplex »Rubesh« kennen.
Im Gegensatz zu den Israelis informierten sich die Amerikaner umfassender. Sie stellten konkrete und detaillierte Fragen, aber ich konnte nicht daraus schließen, weshalb sie sich für diese Technik der ehemaligen Küstenraketenkräfte der Volksmarine interessierten. Sie ließen sich alles erklären, von der Toxität der Raketentreibstoffe bis zur Anzahl der noch vorhandenen Raketen und Startrampen. Sie wollten die Regelapparaturen sehen und setzten sich in die Gefechtskabine der Startrampen. In ihren Köpfen schienen Rechenmaschinen zu laufen. Offensichtlich beschäftigten sie sich mit dem Preis-Leistungs-Verhältnis des Unternehmens »Rubesh«. Welcher Aufwand muss betrieben werden, um dieses oder jenes Ergebnis mit dieser Technik zu erreichen. Sie äußerten sich aber nicht darüber, ob überhaupt und wie viel sie von unserer Hauptbewaffnung haben wollten und welchen Zweck sie eigentlich verfolgten. Dass aus diesem ersten Informationsbesuch die »Operation Tarantul/Rubesh« werden sollte, ahnte ich nicht. Die Amerikaner bedankten sich bei uns und verließen Schwarzenpfost. Nicht wenige Wochen später hörte ich durch Zufall eine Bemerkung: »Zurzeit berechnen die Amerikaner die Transportkosten für den sie interessierenden Technikteil und setzen sie ins Verhältnis zu den Kosten für jene Ausrüstungen, die sie noch mitnehmen müssen, damit wir einen spürbaren Materialabschub verbuchen können. «
Mit anderen Worten: Unsere Technik verscherbelte die Bundesrepublik für »einen Appel und ein Ei« an die Amis. Und die wollten das Verhältnis zwischen dem, was sie haben wollten und dem, was sie nehmen sollten, ökonomisch günstig gestalten.
Die anschließenden Verhandlungen zwischen den beiden Seiten zogen sich hin bis Januar 1993. Letztlich schloss man ein Agreement. Man legte fest, was man wollte und formulierte die Gegenleistung.
Erinnern möchte ich daran, dass eine Startrampe 10 Millionen DM gekostet hatte, die Raketen und die andere Technik waren nicht wesentlich billiger. Ich kam mir vor, als befände ich mich in den härtesten Jahren der Reparationszeit nach dem Zweiten Weltkrieg in der sowjetischen Besatzungszone. Die Waffen hatte die DDR auf Heller und Pfennig bezahlt, jetzt verschenkte sie der neue Besitzer. —-

Technik, Zubehör und Ersatzteile, mit Ziel USA wurden auf Schiffe verladen. Dazu zählten nicht nur die Startrampen vom Typ „Rubesh“ des Küstenraketenregiments 18. Auch andere NVA-Waffen und Technik wurden in die USA gebracht. Dazu gehörte auch das kleine Raketenschiff „Hiddensee“ (ex. Rudolf Egelhofer) welches im Huckepack-Verfahren verschifft wurde.
Zum Ankunftstermin der Raketenstartrampen „Rubesh“ waren auch die letzten, im Nachkommando des Regimentes verbliebenen ostdeutschen Spezialisten vor Ort. Aus unbekanntem Grund verzögerte sich aber die Ankunft der Technik. So wurden die Deutschen, nach einer gewissen Wartezeit, wieder in die Heimat geflogen.
Als der zweite Termin feststand, war nur noch ein Spezialist des ehemaligem Küstenrakentenregiments 18 verfügbar. Zum zweiten Mal, dienstlich aber in Zivil kam Frank Hösel wieder in die USA/ Kalifornien. Diesmal war auch die Technik eingetroffen und er wurde Begleiter des Tarantul-Styx-Programms. Jedenfalls solange, wie er vor Ort gebraucht wurde. (persönliches Gespräch mit KL a.D. der BW Frank Hösel, Ostern 1993)
Mehr dazu schildert Klaus-Peter Gödde in seinem Buch, „Eine Eliteeinheit der NVA rüstet ab“ im Kapitel „NVA-Waffen in aller Welt„.
Lesen Sie hier
Die nachfolgenden Filme sind Ausschnitte von Originalaufnahmen, die KK Frank Hösel (letzter NVA Dienstgrad) aus den USA mitbrachte.
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Ankunft und Entladung |
Raketenstart auf der Los Angeles vorgelagerten Insel San Clemente (Pazifik). Aufgenommen aus verschiedenen Kameraperspektiven, am Ende Aufnahmen in Zeitlupe. |
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Verfolgung des Flugverlaufs mittels telemetrischer Analyse und optisch aus einem Jagdflugzeug F-15, wobei es hier leider keine veröffentlichen Aussagen darüber gibt, ob die Rakete von der vorberechneten Flugbahn abgekommen ist, anderweitige Eingriffe in die Flugbahn vorgenommen wurden oder Fehler aufgetreten sind. |
Die telemetrischen Aufzeichnungen im Vollbild. Hierbei auch gut zu sehen der Anflug und die Flugbegleitung der F-15 und der Einschlag der Rakete ins Ziel. |
Aber auch die Raketenkorvette der Tarantul I Klasse wurde in den USA genau unter die Lupe genommen.
Kurze Wegbeschreibung des Schiffes: Das Schiff gelangte, von seiner Bauwerft bei Leningrad im April 1985 über innerrussische Wasserwege in die Ostsee und wurde von der Volksmarine als „Rudolf Egelhofer“ (Bordnummer 772, ab Frühjahr 1986: 572) übernommen. Im Oktober 1990 wurde es von der Bundesmarine als „HIDDENSEE“ kurzfristig in Dienst gestellt. Im November 1991 für technische Auswertungen und Versuche an Bord des Heavy Lift Ships „AMERICAN CORMORANT“ in die USA überführt, dort am 14. Februar 1992 in die Liste der Kriegsschiffe, unter Nr. 185 NS 9201 eingetragen jedoch nicht offiziell in Dienst gestellt. Es unterstand ab Juni 1995, zu Testzwecken, dem Naval Air Warfare Center (Pataxent River, Maryland). Heute liegt die „Rudolf Egelhofer“ als Museumsschiff neben dem Schlachtschiff „USS Massachusetts“ in Fall River, Bristol County, Massachusetts. Weitere Details hier. ![]()
Ihre vier deutschen Schwesterschiffe wurden von der Bundesmarine nicht in Dienst gestellt. Eines davon liegt heute als Museumsschiff „Hans Beimler“ im Peenemünder Haupthafen.
Bei einem Test erreichte das Schiff eine Geschwindigkeit von mehr als 50 Knoten (>92 km/h). Hier eine Luftaufnahme dieser Testfahrt.
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Im April 1995 besuchte Klaus-Peter Gödde noch einmal, wieder auf der Suche nach seiner (alten) russischen Raketentechnik, die Vereinigten Staaten von Amerika. Das Ziel, die „Naval Air Weapons Station“, Point Mugu in Kalifornien. Diesem Besuch gingen viele Briefwechsel mit verschiedenen deutschen und amerikanischen Behörden und Institutionen voraus. Die offizielle Genehmigung wurde schon 1994 erteilt und ein Mr. Ronald E. Brattin als Ansprechpartner benannt.
Hier Originaldokumente dieses Besuchs und seiner Vorbereitung.
Diese Basiskarte, die im Anmeldezentrum 1995 für die Besucher aus lag, verdeutlicht die riesige Ausdehnung des US-Luftwaffen- und Teststützpunktes. Klaus-Peter Gödde kennzeichnete darauf die Route, die er auf dem Gelände, während seines Besuches zurücklegte.
Point Mugu
Bild: Google-Maps (2018)










