Episode 1

Ideologiefreie Geschichtsdarstellung ?  – Teil 1 –

Es waren mehr als sieben Jahre vergangen, als ich die Marineuniform ausgezogen hatte. Ich lebte nun im vereinten Deutschland und es war die Zeit als man gerade so wieder festen Fuß in einem neuen, zivilen Leben gefasst hatte, in einer völlig anderen Umgebung lebte und mit einer völlig neuen Tätigkeit beschäftigt war. Wir hatten auch neue Freunde, denen wir nun mal unsere ehemalige Heimat zeigen wollten. Nun ist Dranske gerade nicht ein Ostseebad, wohin wir unsere Freunde führen wollten. Es war auch zu weit, um dort ein verlängertes Wochenende im September 1998 gemeinsam zu verbringen, aber Dresden hatte etwas für sich. Da ich in Dresden an der Militärakademie drei Jahre studiert hatte, kannte ich genau die sehenswerten Standorte und die kulturellen Highlights dieser sächsischen Metropole. Und so verlief auch unsere gemeinsame Exkursion. Ich konnte meinen Freunden viel erzählen und zeigen, alles hatte vorzüglich geklappt. Sie waren höchst zufrieden und wir auch, wenn nicht das Militärhistorische Museum der Bundeswehr gewesen wäre. Das damalige Armeemuseum der DDR und die dort befindliche Militärbibliothek waren mir zu gut bekannt. Hatten wir doch zu seiner Zeit die vielen Depots kennengelernt und etliche Stunden über militärischer Fachliteratur, meist die sogenannte Sperrliteratur, vertieft im Lesesaal verbracht.

Um Dresden mit dem gemeinsamen PKW zu verlassen, hieß die letzte geplante Station – das Armeemuseum. Als wir uns dem Eingang näherte, wurden wir durch dieses Plakat auf eine Dauerausstellung aufmerksam gemacht.

Damit begann der unrühmliche Abgesang unseres bisher gelungenen Erlebnis– und Kulturtrips nach Dresden. Und das verhielt sich so. Ich hatte in den letzten Jahren keine Zeit gehabt mich zu interessieren, was aus der NVA geworden ist und was man alles über sie zu berichten wusste. Das, was in dieser demonstrativ angelegten Gegenüberstellung BundeswehrNVA darstellte wurde, riss mir sinnbildlich den Boden unter den Füßen weg. Hier müssen Ideologen des schlimmsten Kalibers an der Zusammenstellung und Einrichtung dieser Dauerausstellung ihre Gesinnung entfaltet haben. Es gab nur ein Raster und das hieß Schwarz und Weiß. Alles was friedenszerstörend, aggressiv und menschenverachtend gegen die demokratische Welt gerichtet war, verkörperte die NVA. Alles Friedliebende, Demokratische und Humanistische galt ausschließlich der Bundeswehr. Ich erinnere mich an einen riesigen Panzerschrank aus dem, im wahrsten Sinne des Wortes, die Blücher-Ordendie einzige Kriegsauszeichnung der ehemaligen DDRquellten. Auch die Uniform eines Marschalls der DDR dekorierte diesen Ausstellungsort. Dann wurde eine riesige Reliefkarte dargestellt, die in Russisch nicht nur das Territorium der DDR und der anderen Teilnehmerstaaten des Warschauer Vertrages abbildete, sondern dem Besucher eindeutig zu verstehen gab, wohin der Angriff erfolgen sollte. Diese Reliefkarte entstammte dem operativen Führungszentrum des Ministeriums für nationale Verteidigung (OFZ) der DDR in Strausberg. Die, die diese Karten nun für diese Ausstellung präpariert hatten, wollten nur eins dem Museumsbesucher suggerierenKrieg und Unterwerfung der freien und demokratischen Welt durch die Sowjetunion und ihre Verbündeten. Jeder, der zum Beispiel heute das General J.M. Shalikashvili Mission Command Center in Wiesbaden besucht, wird solche Darstellungen als gegebene globalen Arbeitsmittel wahrnehmen und sich nicht im geringsten an aggressiver Weltpolitik stoßen.

Und so war die ganze Ausstellung damals aber angelegt. Ich war in diesem Moment sehr wütend über diese gezielte Geschichtsverdrehung. Das war nicht meine NVA, in der ich fast 20 Jahre gedient hatte und die hier dargestellt wurde. Bewusst haben die Aussteller diese Ideologie hineininterpretiert, um Hass zu säen, Geschichte einseitig zu dokumentieren und von der eigenen Geschichtsschreibung abzulenken. Ich habe nicht vor hier eine Gegendarstellung zu starten. Heute führt die Bundeswehr weltweit Kriege und hat nicht nur einmal das internationale Völkerrecht gebrochen.

Aber diese Ausstellung sollte noch nicht den Schlusspunkt unseres Museumsbesuchs setzen. Mehr oder weniger schnell verließen wir diese Ausstellung und setzten uns erst einmal auf eine Bank vor der riesigen Fassade des Museums. Nun war ich einmal hier im ehemaligen Armeemuseum der DDR, da kam mir der Gedanke: Hier muss doch irgendwo unsere letzte Startrampe des Küstenraketenkomplexes “Rubesh” stehen. Und währenddessen meine Frau und unsere Freunde sich ein wenig ausruhten, ging ich um das Gebäude, um mal zu schauen, ob ich unsere Rampe vielleicht entdecken könnte. Dann hätte wenigstens auch die letzte Station unseres Dresden-Trips Sinn gemacht. Kaum hatte ich mich um die Gebäudeecke und circa 50 Meter in nördliche Richtung begeben, da schallte eine nicht zu überhörende laute Aufforderung in glasklarer sächsischer Mundart: “Halt Stehenbleiben oder ich schieße!” von hinten über den Platz. Was soll denn das, waren meine Gedanken und verschreckt blieb ich wie angewurzelt stehen. Und tatsächlich stand ein ziviler Wachmann 20 Meter hinter mir, hat die Pistole aus dem Holster gezogen und hielt sie mit der rechten Hand hoch in die Luft. Toll, das auch noch! Mehr dachte ich in diesem Moment nicht. Ich sah von meinem Ansinnen weiterzugehen ab, drehte mich um und ging zu dem Wachmann. Der steckte seine Pistole wieder ein und belehrte mich darüber, dass ich soeben einen Sicherheitsbereich überschritten hatte. Tatsächlich sah ich nun einen weißen 10 cm breiten Farbstrich auf den Pflastersteinen und ein kleines Warnhinweisschild mit der Aufschrift „Sicherheitsbereich”. Ich hatte es unter den Eindrücken meines Ausstellungsbesuchs übersehen und entschuldigte mich. Zum Glück erfolgten keine Alarmierung der Polizei und auch keine Vernehmung. Innerlich aufgewühlt verließ ich gemeinsam mit unseren Freunden Dresden und hatte nicht einmal Lust an den Unterhaltungen im Auto, bis Höhe Alsfeld teilzunehmen. So deprimiert war ich über die Ausstellung und über die ergebnislose Suche nach unserer Startrampe. Dreieinhalb Jahre später fuhr ich zu genau dieser Startrampe und wurde Mitglied des Fördervereins in genau diesem Museum.

Eine innere geistige Wandlung? Oder welche persönlichen Opfer erbringe ich und meine Kameraden für diese Raketenstartrampe?

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