Die Auflösung Teil 2

Die Auflösung des KRR-18 wurde in meinem Buch „Eine Elite-Einheit der NVA rüstet ab“ ausführlich und sehr detailliert in den Jahren 1992 bis 1999 niedergeschrieben. Ich möchte hier eine Zusammenfassung abgeben, denn auch die Auflösung gehört zur Geschichte des Regiments.

Die Auflösung erfolgte in drei Etappen, so wie auch die DDR in drei Schritten abgeschafft wurde. Die erste Etappe zog sich vom Sommer 1989 bis zum April 1990 hin. Das gesamte Staats- und Parteiensystem war paralysiert, die Führung durch Partei, Regierung und durch das MfNV der NVA war so gut wie eingestellt. Viele Menschen der DDR flohen über Drittländer in den Westen, in einigen Städten demonstrierten Menschen für eine bessere DDR, aber niemand antwortete mehr auf die Fragen und Forderungen der Bevölkerung. Die Grenzen zu Westberlin und zur Bundesrepublik wurden unter doch sehr eigenartigen Bedingungen am 9. November 1989 geöffnet. In der NVA wurden Anbetracht der Führungskrise Stellen in allen Ebenen mit neuen Köpfen besetzt. Einer von ihnen war auch ich. Am 23.01.1990 wurde ich durch Kapitän zur See Dr. Dix dem Chef der Volksmarine als sein Nachfolger des Regimentskommandeurs vorgeschlagen. Den Tag darauf war ich Kommandeur des Küstenraketenregiments. Alles ging schnell und problemlos. Der Truppenteil war auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung, alles stimmte, der politisch-moralische Zustand der Truppe war gut. Meutereien, Befehlsverweigerungen – Fehlmeldung. Meine erste und wichtigste Aufgabe war Befehle zu erteilen, damit die Ausbildung fortgesetzt wird. Mit meinen engsten Mitarbeitern beriet ich mich und wir entwickelten eine Idee, wie wir die Aufgaben der immerhin noch geltenden Anordnung 80/90 umsetzen wollten. Es wurde Ausbildung in allen Gebieten durchgeführt. Das Eigenartige, auch in der gesamten Folgezeit dabei war, dass wir keine Einschränkungen erfuhren, keinen Störfaktoren unterlagen und alles genehmigt bekamen, was wir ordnungsgemäß beantragten. Ein Zustand, von dem jeder Kommandeur vor mir nur hätte träumen können. Um zu verhindern, dass nun der falsche Eindruck entsteht, dass alles im Lot gewesen wäre – uns umgab keineswegs ein soldatisches Glücksgefühl – wir widmeten uns gewiss nicht erstmalig unseren allseits bekannten militärischen Aufgaben. Mitnichten! Alle unsere Menschen waren zu dieser Zeit tief bewegt, gewaltige Wandlungen des dienstlichen und persönlichen Umfeldes zeichneten sich ab. Nicht nur wir, sondern unsere Familien, unsere Frauen und Kindern waren davon betroffen.  Was dabei in den Köpfen insbesondere der Berufssoldaten vor sich ging, ist sehr schwer zu beschreiben. Man kann da nur vermuten, aber es ist nachvollziehbar, weil die gesamte uns umgebende gesellschaftliche Situation auch in meinen Gedanken sich reflektierte. Ich war sehr wohl in der Lage das einzuschätzen und davon richtige Entscheidungen abzuleiten. Das, was in jedem Kopf vor sich ging, beinhaltete folgendes Gedankengut:

  • Wir haben in unserer gesamten militärischen Laufbahn immer einen vorbildlichen und entbehrungsreichen Dienst versehen. Wir verstehen nicht, warum unsere Wirtschaft nicht auf das gleiche Niveau zurückblicken kann, wie wir es können.
  • Wir sind stolz auf unseren Truppenteil.
  • Wir haben unserem Vaterland, der DDR die Treue geschworen, haben dem Volk, der Regierung und der Partei gedient. Wem wir nach der Vereinigung dienen werden, ist uns unbekannt und im Grunde genommen stehen wir allen anderen staatlichen und parteilichen Interessensgruppen teilweise distanziert, teilweise ablehnend gegenüber.
  • Die jetzigen Freiheiten sind ein zeitweiliges Ergebnis des Machtvakuums in der Politik und in der Wirtschaft.
  • Es werden in absehbarer Zeit grundlegende Veränderungen im persönlichen Leben eintreten.
  • Wann und wie werden wir unseren aktiven Wehrdienst selbst beenden oder dienen wir in der Bundesmarine weiter?
  • Wir haben eine Verpflichtung gegenüber unseren Familien als Ernährer und Erzieher.
  • Wir möchten in Würde und Anstand unsere Uniform aus- oder eine andere anziehen.
  • Wir sind froh, dass es vorerst zu keiner kriegerischen Auseinandersetzung mit dem potentiellen Gegner, der NATO, gekommen ist und die Welt vor der militärischen Selbstzerstörung bewahrt wurde.
  • Da wir Staatsdiener der DDR waren und in der Regel auch Parteimitglied der SED, werden wir mit Restriktionen in einer uns bis dato unbekannten Weise rechnen müssen. Einen „Gutmenschen“ als Gegner gibt es nicht.
  • Wir werden uns gegenüber anderen Kameraden, Mitmenschen und Bekannten zuversichtlich und optimistisch geben, weil wir wissen, dass wir auch einen zivilen Beruf erlernt und eine vorzügliche Ausbildung genossen haben.

Diese Gedanken sind sicherlich nicht vollständig. Dokumentieren aber wie komplex und individuell sie für jeden von uns waren und wie kompliziert es war, richtige persönliche Entscheidungen zu treffen. Und das ist auch der große Unterschied in der Führung des KRR-18 im Gegensatz zu allen Kommandeuren vor mir. Die Frage war früher und auch zum Zeitpunkt der Auflösung, immer eine Existenzielle: Einst ging es um Krieg oder Frieden auf der Entschlusskarte des Kommandeurs, jetzt ging es um Sein oder Nichtsein der Streitkräfte in einer weltverändernden gesellschaftlichen Situation und um die wirtschaftliche und gesellschaftliche Existenz aller unserer Familien. Das war die Herausforderung der Zeit an meine Person, als Führer eines militärischen Truppenteils, in dem sich nicht geringe Mengen an Raketen, Bewaffnung und Munition befanden. Keine andere Aufgabe hatte ich zu erfüllen als diese. Eine bemerkenswert undankbare Aufgabe. Die vermeintliche zielstrebige Fortsetzung der militärischen Ausbildung war lediglich ein gewohntes Mittel, um Zeit zu gewinnen, Sicherheit sowie Ordnung und Disziplin zu gewährleisten, um dann eine richtige Entscheidung zu treffen. Das galt natürlich nur so lange, wie ich das persönlich dank Kraft und Verstand auch eigenständig realisieren konnte. Später entschieden dann wieder andere über unser Schicksal und das aller Angehörigen des Regiments. Dann gab es nur noch eine Freiheit – selbst gehen zu dürfen.

Wir haben unter den Bedingungen der personellen Nichtauffüllung des Regiments Maßnahmen ergriffen, die darauf gerichtet waren, dass alle Fehlstellen durch Berufssoldaten erlernt, vollständig und aufgabenbezogen in Zweitverwendungen erfüllt werden. Die beiden Küstenraketenabteilungen, aber auch andere Einheiten des Regiments, wurden personell umstrukturiert: Die 1. KRA unter Führung von Fregattenkapitän Wolfgang Domigalle war eine personell und technisch voll aufgefüllte Küstenraketenabteilung entsprechend des letzten Stellenplans. Die 2. KRA unter Führung von Fregattenkapitän Peter Schwarz war eine „ausgedünnte“ und ausschließlich aus Berufssoldaten bestehende Einheit. So wurde auch der Wettbewerb organisiert, nicht durch die Politabteilung, die es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gab, sondern der Wettstreit lief „Senioren-“ gegen Standardeinheit. Sehr interessante Momente konnten wir in diesem fairen und freizügig geführten Vergleich in nahezu allen Ausbildungsbereichen feststellen.

Die zweite Etappe begann nach den Wahlen zur Volkskammer am 18. März 1990, als ein Pfarrer zum Minister für Abrüstung und Verteidigung ernannt wurde. Was er mit der NVA vor hatte, wird er vermutlich selbst nie genau gewusst haben, aber Abrüstung stand dabei ganz oben an. So begann eine Periode, wo es hin und her ging. Ich versuchte weitestgehend diese wechselhaften Informationen von den Menschen unseres Truppenteils fern zu halten, was nicht heißen soll, dass ich Informationen vorenthielt. Hier bewiesen alle Angehörigen des KRR-18 äußerste Disziplin und Ruhe. Alle hatten selbst einen Kopf auf den Schultern, um realistisch die Lage einzuschätzen. Es begann der Prozess der vorbereitenden Abrüstung, der sich bis zum Vorabend des 3. Oktobers 1990 hinzog. Als die Volkskammer am 23. August 1990 den Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland beschlossen hatte, war kein Angehöriger des Regiments darüber verwundert. Am 10. September 1990 verabschiedeten wir uns von uns selbst, indem wir eine letzte Übung im Felde mit unserer Kampftechnik vollführten und anschließend in trauter Runde im Feldlager ganz unter uns Abschied von den Küstenraketen nahmen. Die letzten Tage ließen wir auf uns zukommen, nicht wenige verließen das Regiment auf eigenem Wunsch. Die Vorbefehle der Bundeswehr ließen den politischen Willen erkennen. Die Dienstgrade wurden der Bundeswehr angepasst, was so viel hieß – Degradierung um mindestens einen Dienstgrad. Obwohl der Minister und das Bundeswehrkommando Ost genau wussten, dass die Auflösung der NVA in absehbarer Zeit bevorsteht, wird gezeigt wer Herr im Hause ist – völlig unnötige Schikane. Die Stimmung im Regiment sank zunehmend, trotzdem waren Disziplin und Ordnung zu jedem Zeitpunkt gewährleistet. In zehn Punkten habe ich in meinem Buch den Zustand  angeführt, der zu diesem Zeitpunkt in unserem Truppenteil vorherrschte und auch so auf alle anderen Truppenteile der NVA übertragen werden kann. Hier übernehme ich diesen Teil im Wortlaut und betone, dass das meine ganz persönliche Meinung zur Auflösung sowohl der NVA, als auch unseres Regiments ist:

  1. Die teilweise oder vollständige Entwaffnung wichtiger Truppenteile und Verbände der NVA durch Trennung der Munition und Raketen von den Einsatzmitteln mit anschließender Konzentrierung in gesicherten Räumen.
  2. Der „politische Gegner“ in Form von Politoffizieren und Politorganen ist handlungsunfähig und größtenteils entlassen.
  3. Der militärische Forschungs- und Lehrkörper ist, wenn nicht entlassen, schachmatt gesetzt, die Ausbildung eingestellt.
  4. Der Grad der Selbstzerfleischung innerhalb der NVA und der von vorgesetzter Stelle nicht dementierte Glaube vieler NVA-Offiziere an gemeinsame deutsche Streitkräfte schufen günstige Bedingungen für weitere Abbauaktivitäten nach dem 3. Oktober.
  5. Es bewährte sich die Strategie, ausgewählte Generäle und Admiräle bis zuletzt in Dienst zu belassen. Es entstand kein direktes Führungsvakuum vor der Übernahme.
  6. Die mittelfristig praktizierte „Salamischeibentaktik“ funktionierte bis zum 3. Oktober 1990 hervorragend. Die Entwaffnung und Paralysierung der NVA, uns als Abrüstung dargestellt, wäre in einer Bananenrepublik durch einen Militärputsch beantwortet wurden, in der DDR vermutlich mit unabsehbaren Folgen.
  7. Nach der Übernahme der Befehlsgewalt sind Nägel mit Köpfen zu machen.
  8. Das Restrisiko verringerte sich durch die Maßnahmepunkte 1 bis 6 soweit, daß eine Übernahme der NVA problemlos erfolgen konnte.
  9. Es gibt keinen anderen Bereich in der untergehenden DDR (zum Beispiel die Volkswirtschaft), in dem vorab in einer unvorstellbar kurzen Zeitspanne auch nur annähernd solche Ergebnisse schon in der Vorbereitungsphase erreicht wurden.
  10. Der zweite Staatsvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR schuf die rechtlichen Voraussetzungen, nach dem 3. Oktober mit allen möglichen Mitteln die NVA endgültig zu beseitigen.

Die dritte und letzte Etappe der Auflösung des KRR-18 begann mit der Übernahme der Kommandogewalt zum 3. Oktober 1990 durch das Bundeswehrkommando Ost. Dem Küstenraketenregiment wurde eine mehrköpfige Unterstützungsgruppe zugewiesen, die in der Folgezeit auf drei Soldaten und einem zivilen Regierungsoberinspektor reduziert wurde. Sie unterstand dem Marinekommando Rostock. Die ausschließlich Bundesmarinesoldaten verschafften sich in den ersten Tagen und Wochen einen Überblick und begann mit der Neustrukturierung und dem Abschub von weiterer Technik und Ausrüstung. Zuerst ging alles sehr schleppend, außer der Technik, die für den begonnenen 2. Golfkrieg benötigt wurde. Später wurde alles an Interessenten und Bündnispartnern verschenkt, verramscht und verhökert. Die Amerikaner, Israelis und Briten interessierten sich insbesondere für unsere Startrampen und Raketen. Große Teile gingen „über den Teich“, in den Nahen Osten und auf die Britischen Inseln sowie zur Genüge in mehrere Wehrtechnische Dienststellen der Bundeswehr. Es wurde geforscht, getestet und dokumentiert, bis zum heutigen Tag. Die gesamten Verschlusssachen wurden mit der Übernahme für „offen“ erklärt, nach den Tests wanderte alles wieder in die Panzerschränke und wird dort mindestens bis 2025 liegen, vielleicht auch noch länger (siehe Schreiben des Geschäftsführenden Sicherheitsbeauftragten der Hauptabteilung Rüstung des BMVg vom 29.07.11).

Ab Sommer 1991 wurde alles nicht mehr benötigte und nicht mehr verwertbare Material verschrottet und vernichtet. Ab 19?? wurden alle Gebäude und Einrichtungen abgerissen. Übrig blieben Teile der Betonstraßen und der Medizinische Punkt, der anschließend als eine Einrichtung des Diakonievereins des Kirchenkreises Rostock e.V. Bodelschwingh-Haus „Hoffnung“ umfunktioniert wurde. Das gesamte Objekt wurde somit dem Erdboden gleich gemacht, Neuanpflanzungen mit Nadelwald durchgeführt.

Bis zum 31.12.1990 wurde der Großteil der Berufssoldaten entlassen. Sie erhielten eine geringfügige Abfindung in Höhe von 7.000 DM, mehr sahen die Durchführungsbestimmungen des Einigungsvertrags nicht vor. Zum 31.03.1991 wurde befohlen, das Regiment aufzulösen. Ein Nachkommando wurde zum endgültigen Materialabschub in Stärke von 16 Soldaten und den 56 übriggebliebenen Zivilbediensteten bis zum 30.09.1991 eingesetzt. Ich verließ auf eigenem Wunsch zum 30.04.1991 das Regiment. Im April 1995 besuchte ich im Rahmen einer privaten USA-Urlaubsreise die Naval-Air-Weapons-Station in Pt. Mugu (Kalifornien) und ließ mich von den Verantwortlichen der Untersuchungsgruppe über das Tarantul-Styx-Programm informieren.

Im November 2001 wurde ich durch das Militärhistorische Museum Dresden gebeten, eine abgestellte und nicht mehr fahrbereite Startrampe unseres Regiments wegen Umbaumaßnahmen im Depot des Museums umzustellen. Dieser Teil mit allen seinen Folgeaktivitäten wird im Punkt, “Das Museum” gesondert beschrieben.

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