Der Besuch des Ministers

“Eine Elite-Einheit der NVA rüstet ab” Der Besuch des Ministers

Genau an den Tagen, da die letzte Geschwaderfahrt der Verbündeten Ostseeflotten in die letzte und entscheidende Phase trat, besuchte der neue Minister für Abrüstung und Verteidigung die Volksmarine. Einen besseren Termin konnte er sich gar nicht wünschen, um das vielfältige Handlungsfeld der Seestreitkräfte der DDR kennenzulernen. Bei seinem Antrittsbesuch bei der Marine begleiteten ihn Staatssekretär Ablaß, Admiral Hoffmann, der Soldatenbeauftragte Hahn und andere Herren der Regierung. Sie besuchten zuerst das Kommando der Volksmarine in Rostock-Gehlsdorf, danach die 4. Flottille.

Solche Inspektionen finden immer in einem Zeitraffertempo statt. Der Ausrichtende muss möglichst viel in einer kurzen Zeit demonstrieren.

Ich sollte dem Minister eine Startrampe mit Besatzung vorführen. Wir verfügten über genug Erfahrung, unsere Kampftechnik vorzustellen. Wir stuften die Besichtigung als wichtig ein und machten uns ein bisschen Zukunftshoffnung. Warum soll der Minister nicht das zu sehen bekommen, was er gedenkt, perspektivisch im Bestand der Marine zu behalten? Es machte schon Sinn. Dazu kam ja noch die Tatsache, dass gerade zu diesem Zeitpunkt entschieden wurde oder entschieden werden musste, ob die neuen Startrampen übernommen werden oder nicht. War dies der Grund des Besuches, oder haben sich unsere Vorgesetzten weniger Gedanken gemacht als wir selbst?

Wir stellten uns wie bei der Visite von Egon Bahr auf den Musterungsplatz der 4. Flottille. Die Sonne schien, und wir waren nicht allein. Diesmal gesellte sich zu uns das Marinehubschraubergeschwader »Kurt Barthel« mit Hubschraubern der Typen Mi-8 BT und Mi-14 PL. Sie präsentierten das Seenotrettungssystem »Schnelle Medizinische Hilfe/ Search and Rescue« (SMH/SAR). Dieser neue Dienst, ein Ergebnis der Konversion, dürfte beim Minister bestimmt aus humanistischer Sicht Anklang finden. Die Luftretter flogen bis zu diesem Zeitpunkt schon 31 Einsätze und retteten dabei 35 Menschenleben. Die blauen Flieger überlegten genauso wie wir, wie sie sich unter den wandelnden Bedingungen am besten einbringen können.

Wir hatten also die Rampe in Startstellung aufgebaut. Raketen hatten wir nicht geladen. Das hätte dem Minister vielleicht nicht gefallen. Wir brauchten nicht lange zu warten. Plötzlich tauchte, aus dem zirka 50 Meter entfernten Klubgebäude kommend, ein riesiger Menschenpulk auf. Um ihn herum schwirrten Presseleute und Kamerateams. Nur nebenbei sah ich Admiral Hoffmann, Vizeadmiral Born und noch ein paar andere bekannte Gesichter. Alle anderen trugen Zivil, und ich konnte unter ihnen nur schwerlich meinen neuen Brötchengeber ermitteln. Früher war es üblich, dass der höchste Vorgesetzte in der Mitte und immer an vorderster Stelle ging.

Ich hatte Mühe, überhaupt Meldung zu machen. Ich stellte mich und anschließend die Besatzung vor. Dann erklärte ich in wenigen Worten die Zweckbestimmung der KRT. Hier begannen schon die Kameraleute und Reporter auszuschwärmen. Es wurde mir doch etwas unübersichtlich und ich schlug vor, in die Gefechtskabine der Startrampe zu klettern, um wenigstens von den lästigen Journalisten wegzukommen. Der Minister kletterte in die Kabine, die Besatzung auch und hinter mir ließ ich einfach die Tür ins Schloss fallen. Als ich als letzter in die Kabine einstieg, unterhielten sich schon meine Soldaten mit ihrem neuen Minister. Sie stellten Fragen über die Zukunft der NVA, antworteten aber auch auf Fragen des Ministers. Dann drückte ihn offensichtlich wieder sein Zeitplan und er verließ die Startrampe. Ohne sich zu verabschieden, rannte der Minister zum SAR-Hubschrauber, der ungefähr hundert Meter vom Hafenbeckenrand stand.

Die Menschenmenge flog wie von Magneten gezogen dem Minister hinterher. Auf halbem Weg blieb er stehen, der ganze Pulk auch, jemand rief etwas, und Sekunden später bekam er seine Begrüßungsblumen zurück. Diese nahm er, kehrte auf der Stelle um, alle Reporter, Mikrofonhalter, Fotografen, Kameraleute und ein Teil seiner Begleiter taten das gleiche, und alle rannten wieder auf die Startrampe zu. Wir glaubten fast in ein Pop-Festival geraten zu sein. Hatte Eppelmann nun gemerkt, dass er sich gar nicht verabschiedet hatte oder wollte er sich noch für die Erklärungen bedanken?

Er ging aber zu Leutnant Junghahn und überreichte ihm seine Begrüßungsblumen mit ein paar Dankesworten. Dieses Foto erschien am nächsten Tag auf der Titelseite der »Ostsee-Zeitung«. Ich fand die Szene originell, sie hatte etwas, was es früher nicht gegeben hätte.

Was ging in diesem Kopf unter der großen Schmidtmütze vor sich? Ich konnte mich des Eindruckes nicht erwehren, dass eine gewisse Bauernschläue aus den Augen funkelte. Hatte der Minister bewusst dem jungen Leutnant die Blumen überreicht, um nicht einem Längergedienten und SED-Systemtreuen die Ehre zu erweisen? Vielleicht sah er auch in der jüngeren, wohl nach seiner Meinung unbelasteten Generation, mögliche Hoffnungsträger? Wieder lag ein kleines Steinchen in dieser wirren Zeit in meinem Zukunftsmosaik.

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