Schleppender Ausverkauf

“Eine Elite-Einheit der NVA rüstet ab” Schleppender Ausverkauf

Der Ausverkauf des Regiments verlief weiterhin schleppend. Wir erwiesen uns dabei auch nicht als Aktivisten, die den Auflösungsprozess des KRR beschleunigten. Anfang Januar berechneten wir den noch zu erwartenden Verbrauch  an Treib- und Schmierstoffen. 1.300 Liter Dieselkraftstoff (DK) verblieben in Rollreifenfässern und bis auf 4.500 Liter DK und 9.000 Liter Vergaserkraftstoff (VK) entleerten wir die Behälter der stationären Tankanlage.

Bis auf ein Notstromaggregat Typ Gad-40 wurden alle anderen Stromerzeugungsanlagen abgezogen. Große Teile der Grundmittel des Verpflegungsdienstes ebenfalls. Dazu zählten Feldküchen, Trinkwasserfahrzeuge einschließlich Hänger, mobile Küchengeräte bis hin zum Essbesteck und anderen Verbrauchsmitteln. Am 9. Januar verluden wir drei Wassertankwagen, ein Kühlhänger und vier Feldküchen FK180 auf dem objekteigenen Verladegleis in Eisenbahnwaggons. Ob diese Mittel auch in den Nahen Osten gingen, kann ich nicht bestätigen. Ich nahm es aber stark an, mir persönlich war es inzwischen egal.

Am 4. Januar 1991 schloss die Verkaufsstelle der Militärhandelsorganisation (MHO) auf Anordnung des Marinekommandos. Die zwei Verkäuferinnen wurden arbeitslos. Unsere MHO-Verkaufsstelle hatte den Charakter eines »Tante-Emma-Ladens«, in dem es neben Lebens- und Genussmitteln auch Kosmetik, frisches Obst, Kuchen und Kaffee gab. Jetzt musste jeder sich selbst versorgen.

Die Wehrdienstleistenden brachten sich die kleinen Annehmlichkeiten von zu Hause mit oder gaben beim Postfahrer ihre Wünsche ab.

Weiterhin schränkten wir die Verpflegung über das Wochenende und an Feiertagen ein. Mit den nur noch wenigen Mitarbeitern in der Küche konnten wir die gewohnte Versorgung nicht mehr aufrecht erhalten. Ohnehin blieb sowieso kein Soldat an diesen Tagen im Objekt Schwarzenpfost.

Wir führten auch ein neues Lagesystem ein. Soviel Entscheidungen und Probleme lagen nicht mehr an, daß das alte Besprechungs- und Lagesystem aufrechterhalten werden musste. Einmal am Tag kamen die Vorgesetzten, das waren Kapitän Eicke, Kapitän Brennecke, Kapitänleutnant Hösel, Oberleutnant Stadler, Kapitänleutnant Walter sowie Uwe Eckert und ich zusammen und besprachen die anstehenden Aufgaben und Probleme. Das dauerte in der Regel 15 bis 20 Minuten. Um 10 Uhr trafen wir uns täglich zu einer Kaffeepause im ehemaligen Planungskabinett des Regimentes, an der alle verbliebenen Soldaten teilnehmen konnten. Diese Pause war eine Erfindung von Kapitän Eicke. Er schuf sich damit die Möglichkeit, sich mit allen zu unterhalten, die an dieser Runde teilnehmen wollten. Ich fand diese Regelung sehr praktisch, und sie wurde auch ausgiebig genutzt. Diese sogenannte happy-hour entpuppte sich, wie vermutlich auch von Kapitän Eicke gewollt, als Stimmungsbarometer im Ex-Küstenraketenregiment. Wir stritten über neue Lebensweisen, stimmten dienstliche Aufgaben ab und besprachen ganz persönliche Dinge.

Mit Beginn des neuen Jahres passten wir ein letztes Mal die Organisation den gegebenen personellen Bedingungen an. Kapitänleutnant Hösel wurden unterstellt Kapitänleutnant Flemming, die Hauptbootsmänner Ralf Lebert und Gerd Höne und Leutnant Walter. Diese Truppe übernahm die gesamte Haupt- und Spezialbewaffnung einschließlich der herkömmlichen und der speziellen Treibstoffe. Oberleutnant Walter sorgte sich gemeinsam mit den Leutnants Meysing, Krause und Sielaff um die gesamte Kfz-Technik, die Werkstatt und das Kfz-Lager inbegriffen. Oberleutnant Stadler und der Hauptbootsmann Szillat waren die militärischen Disziplinarvorgesetzten der restlichen dreißig Grundwehrdienstleistenden.

Oberleutnant Winkler unterstanden der Medizinische Punkt, die B/A-Kammer und der Verpflegungsdienst, fast alles Zivilbeschäftigte. Der Stabschef führte Korvettenkapitän Herfter, Oberbootsmann Keil und die Vermittlung (Fernmeldezentrale). Korvettenkapitän a. D. Uwe Eckert führte weiterhin den gesamten Unterkunftsdienst und Korvettenkapitän Herms war der Vorgesetzte des Wachpersonals und gleichzeitig Kasernenoffizier. Somit hatte jeder Soldat einen konkreten Verantwortungsbereich.

Die zivilen Sachbearbeiterinnen unterstützten die entsprechenden Bereichsleiter. Sie waren natürlich in keiner Weise ausgelastet, aber was sollten wir machen. Irgendwelche sinnlosen Arbeiten erfinden? Vom Marinekommando kamen Anforderungen, die sie dann weiter bearbeiteten. Ansonsten wurden Dokumente, Schriftverkehr und viel, viel beschriebenes Papier aus der politischen und Gefechtsausbildung des KRR vernichtet oder ganz einfach Raum für Raum aufgeräumt und bis auf das Mobiliar geleert. Keiner überstürzte sich dabei. Aber irgendeiner Tätigkeit musste jeder nachgehen. Nur dasitzen, Kaffee kochen und trinken demoralisierte auch die Zivilangestellten.

In den Dezembertagen des letzten Jahres passierte ein schrecklicher Unfall. Gleich neben dem Haupteingang des Küstenraketenregimentes stand ein Wohnblock, in dem ausschließlich Soldaten und Zivilbeschäftigte des KRR mit ihren Familien lebten. Es war in der NVA üblich, daß die Berufssoldaten möglichst in der Nähe der militärischen Objekte wohnten. Die Hauptstraße zur Dienststelle und somit auch zu dem mitten im Wald stehenden Wohnblock führte über die Gleise der Eisenbahnstrecke Stralsund-Rostock. Dahinter stand man schon auf der immer stark frequentierten ehemaligen Fernverkehrsstraße F 105, jetzt Bundesstraße 105. Und genau an dieser Ausfahrt wurde die Tochter unseres ehemaligen Obermeisters Kopplin von einem vorbeifahrenden Auto erfasst und tödlich verletzt.

Ich erwähne diesen tragischen Unglücksfall deswegen, weil es nicht nur einen tiefen Schmerz bei den betroffenen Eltern auslöste, sondern weil dieses Ereignis mit der Entlassung des Obermeisters Kopplin aus dem KRR-18 zusammenfiel. So hart konnte das Leben in diesen Tagen für manchen unserer Mitmenschen sein. In Anbetracht dieser nicht einfachen Situation suchte ich bei der Unterstützungsgruppe Rat. Direkte und materielle Unterstützung von übergeordneter Stelle konnte nicht gegeben werden. Kapitän Linde riet mir, eventuell Verbindung mit dem Soldatenhilfswerk aufzunehmen. Doch meine Versuche scheiterten, weil ich nicht für den Betroffenen sprechen konnte und dieser ja nun auch kein Soldat mehr war.

DDR-Staatsreserve für die Bundeswehr

Der Winter erwies sich als schneereich und kalt. Es zeichnete sich ab, daß der Vorrat der Braunkohlenbriketts in der Dienststelle Schwarzenpfost für die letzte Heizperiode dieses Standortes nicht ausreichte. Bemühungen, Nachschub zu bekommen, scheiterten. Da rettete uns die Vorratshaltung der untergegangenen DDR. Vor über einem Jahr hatten wir ein Kontingent Braunkohlenbriketts als Staatsreserve zugewiesen bekommen. Diese Reserve stand fein säuberlich, Brikett auf Brikett gestapelt und mit alten Kfz-Planen abgedeckt, hinter dem überdachten Vorratsplatz des Heizhauses. Es war allgemein üblich, daß in NVA-Dienststellen staatliche Reserven eingelagert wurden – nicht nur Kohle. Im Munitionslager der 6. Flottille in Sehlen lag einmal Getreide, ein andermal bewachten Soldaten Kartoffeln. Auch bei uns in der RTA-6 lagerten landwirtschaftliche Produkte. Es gab unterschiedliche Gründe für diese Hamsterwirtschaft auf militärischem Gelände: fehlende zivile Lagerhallen, eine überdurchschnittlich gute Ernte, Reservenbildung für den Export oder andere besondere Zwecke.

Nachdem ich der Unterstützungsgruppe die Zusammenhänge der Reservenbildung in der DDR-Volkswirtschaft erklärt hatte, wärmte sich die Bundeswehr nun mit der sozialistischen Staatsreserve. Vollständigkeitshalber holten wir uns natürlich die entsprechende Genehmigung des Marinekommandos Rostock.

Uns wärmte aber nicht nur die Kohle, sondern auch im übertragenen Sinn unsere Vergangenheit. Alles, was nach Sichtung keinen Wert besaß, ging in den Ofen. Dienstzimmer für Dienstzimmer wurde entleert, gesäubert und alles Brennbare den Flammen übergeben.

Doch nicht alles passte in den Ofen. Und so entzündeten wir in der Technischen Zone  mehrmals größere Feuer. Nicht nur die allgemeine Entsorgung und die Reinschiffhaltung erforderten diese Maßnahmen, auch der selektive Abtransport von Großtechnik führte zur Verschrottung und zur Vernichtung durch das Streichholz. Beispielsweise mussten wir die Kommandeurs- Nachrichten- und Betriebstrupp-, kurz KNBT-Fahrzeuge, zum Abtransport vorbereiten. Jedes Kfz sollte einsatzbereit und fahrtüchtig, der Spezialaufbau, mit Fernmeldetechnik vollgestopft, leer sein. Also schlachteten wir die einst mehrere hunderttausend Mark teuren Spezialfahrzeuge aus, schraubten und sägten alles ab. Es sammelte sich zwangsläufig viel teurer Abfall an. Zwei Matrosen unterhielten also ein Feuer und verbrannten alles, was einst so teuer angeschafft und jahrelang gepflegt, gewartet und gehütet worden war.

Bei dieser Vernichtungsorgie kamen natürlich die Frage und die Bitte auf, ob dieser oder jener dieses oder jenes Teil kaufen oder kostenlos erhalten könne. Von Anfang an schaffte ich klare Verhältnisse. Ich duldete nicht, daß materielle Mittel entwendet wurden. Ich verständigte mich Anfang 1991 mit Kapitän Eicke. Wir legten fest, daß vorher gefragt wird, ob diese oder jene Verbrauchsmittel, die eine private Nutzung nicht ausschlossen, mitgenommen werden können. Es gab auf diesem Gebiet keine Probleme mit der Unterstützungsgruppe.

Durch diese Regelung erwarb ich ein kleines »Gartenhäuschen«. Ich hatte die Idee, mir einen alten Raketencontainer in eine Gartenlaube umzubauen. Die Raketen kamen aus der Sowjetunion in Holzcontainern, die äußerst stabil und langlebig angefertigt wurden. Sie waren fast sieben Meter lang, ungefähr zweieinhalb Meter breit und besaßen ein Schrägdach wie ein kleines Häuschen. In der Mitte konnte ich sogar aufrecht stehen. Diese Container waren damals in der NVA sehr gefragt. In allen Dienststellen der VM gab es materielle Mittel wie zum Beispiel Farben, Verdünnungen, auch Reinschiffgeräte, Streumittel oder sperrige Gerätschaften sowie Leergut, die wunderbar in diesen Holzhäuschen abgestellt werden konnten. Fast jede Einheit in der Volksmarine verfügte über diese ehemaligen Raketencontainer. Annähernd hundert dieser Container standen allein auf dem Gelände des KRR. 32 Container mussten zu NVA-Zeiten einsatzklar und verladebereit gehalten werden, wenn es galt, Raketen der Bereitschaftstufe III im konservierten Zustand in Dezentralisierungsräume auszulagern und dort zum Verschuß vorzubereiten. Jetzt brauchte sie niemand mehr. Sie waren vollständig aus Holz, innen sogar mit Sperrholz ausgekleidet.

Nach Absprache wuchteten wir mit einem letzten Kraftfahrzeug- und Kraneinsatz einen solchen Container in meinen Garten. Da unser Garten in den Tagen vor meinem abzusehenden beruflichen Aus mir die einzige Freude bereitete, investierte ich viel Arbeit und Liebe in das Museumsstück. Das Dach strich ich rot, das Haus weiß und die Holzverstrebungen braun. So nahm in den darauffolgenden Wochen der alte Raketencontainer das Aussehen eines einstöckigen Minifachwerkhauses an.

Der 8. Januar 1991 war für Oberleutnant Winkler ein besonderer Tag. Er wurde als erster Offizier des ehemaligen Küstenraketenregiments zum Soldat auf Zeit für zwei Jahre vereidigt. Der 32jährige Offizier hatte sich für eine Fortsetzung seines soldatischen Lebens als Offizier im militärfachlichen Dienst in der Bundeswehr erfolgreich beworben. Er legte nun den Fahneneid auf die Bundesrepublik Deutschland ab. Das war seine freie Entscheidung, und ich unterstützte ihn dabei mit all meinen Kräften. Auch Kapitän Linde konnte den langen und aufgeschlossenen Soldaten gut leiden.

Zur Vereidigung bereitet Oberbootsmann Keil den Konferenzraum in der Klubbaracke vor. Eine Bundesdienstflagge ließen wir uns aus dem Marinekommando herbeischaffen. In keiner Dienststelle der ehemaligen Volksmarine gab es eine solche Flagge, noch ein Siegel oder einen Stempel. In der ersten Zeit wurden die Dienstausweise der NVA mit einem Stempelabdruck irgendeiner Bundesmarinedienststelle versehen und gültig gemacht. Meinen Wehrdienstausweis ziert heute noch der Stempelabdruck Nr.11 der »Amphibischen Gruppe«. Erst als ich am 31. April 1991 den Wehrdienst quittierte, besiegelte man meine Dienstzeit im KRR mit dem Stempel »Bundeswehr Marinekommando«. Selbst den Stempel mit der Postanschrift der Dienststelle Gelbensande nutzten wir weiter, handschriftlich ersetzten wir »Nationale Volksarmee« durch »Bundeswehrdienststelle«.

Nachdem wir nun die Bundesdienstflagge hatten, besorgten wir den Rest der Vereidigung in eigener Zuständigkeit: Kaffee kochen, Imbiss vorbereiten, Sekt kaltstellen. Vier Berufssoldaten hielten die Fahne. Fregattenkapitän Linde hielt eine kleine Rede, ich sprach den Fahneneid der Bundeswehr vor, Oberleutnant Winkler sprach den Wortlaut nach. Mir erschien das schon etwas eigenartig. Vor fast zwanzig Jahren wurde ich auf die DDR eingeschworen, vor kurzem erlebten die meisten der ehemaligen NVA-Angehörigen eine Zwischenlösung eines Noch-DDR-Fahneneides, und jetzt sprach ein ehemaliger NVA-Offizier einen Eid auf die Bundesrepublik Deutschland. Wie dauerhaft das Verhältnis zu diesem Fahneneid sein würde, das entschied der Vereidigte selbst und letztlich auch die Gauck-Behörde. Für manchen gab es dann erwartet oder auch ganz unverhofft doch noch das endgültige Aus.

Wie ich viel später erfuhr, quittierte Oberleutnant Winkler auf Grund der Doppelbesetzung der im Kfz-Dienst ausgeschriebenen Planstelle in seiner neuen Dienststelle in Warnemünde – Hohe Düne seinen Dienst innerhalb der zweijährigen Probezeit von sich aus. Kein ehemaliger Angehöriger des KRR wurde also dauerhaft als Berufssoldat der Bundesmarine übernommen.

In den darauffolgenden Tagen baten mich Kapitän Eicke und Kapitän Linde, die Wahl der Vertrauensmänner durchführen zu lassen. Der dann gewählte Vertrauensmann der Mannschaftsdienstgrade trat nur in einem einzigen Fall in Aktion. Auch wir ehemaligen Berufssoldaten der NVA, die nun in einem besonderen Verhältnis Dienst taten, wählten einen Vertrauensmann. Das ging ganz schnell und zwangslos. Auch Oberleutnant Winkler brauchte in dieser Funktion nicht mehr wirksam zu werden. Was sollte es auch noch für Probleme zwischen uns oder unseren Vorgesetzten geben, die uns zwangen auf den demokratischen Verschnitt eines Parteisekretärs zurückzugreifen.

Frau Engler, unsere engagierte Küchenleiterin, war schon nach der Wende als Vorsitzende des Personalrates von den meisten der 56 Zivilbeschäftigten der Dienststelle Schwarzenpfost gewählt worden und blieb es auch bis zur endgültigen Auflösung. Mit ihr saßen wir öfter zusammen und berieten die zivilrechtlichen und anderen Probleme mit den Zivilbeschäftigten der Dienststelle. Es gab weder vor noch nach der Übernahme durch die Bundeswehr Probleme, die nicht im gegenseitigen Einvernehmen mit der Interessenvertretung der Zivilbeschäftigten geklärt werden konnten. Bei unseren zivilen Mitarbeitern fühlte ich mich immer sehr wohl. Ich besuchte sie oft an ihren Arbeitsplätzen, setzte mich zu ihnen und diskutierte die aktuellen Probleme, die sie genauso bedrückten wie uns Berufssoldaten. Am wichtigsten war es, sie zu beruhigen und auf keinen Fall nervöser zu machen, als viele von ihnen sowieso schon waren.

Unsere Nerven, ob nun die der Zivilbeschäftigten oder die der Offiziere, lagen frei. Eines Wintertages im Jahr 1991 kam wie immer kurz nach sieben Uhr meine Sekretärin Petra Zülow zu mir, um den Ablauf des Tages besprechen. Viel war nicht mehr abzustimmen. Ich weiß nicht mehr, was der Anlass war, aber Petra war an diesem Tag nicht gut drauf. Ich äußerte im Gespräch, daß es das Beste wäre, wenn sie so frühzeitig wie möglich einen neuen Job finden würde. Keiner konnte genau sagen, was ist frühzeitig, was ist zu spät. Das musste jeder für sich selbst bestimmen können. Hatte sie mich missverstanden oder hatte ich mich falsch ausgedrückt, möglicherweise dachte sie vielleicht, daß ich sie los werden wollte. Sie begann so bitter und heftig zu weinen, daß ich sie mit Worten nicht mehr beruhigen konnte. Ich wollte nicht, daß sie aus dem Vorzimmer läuft, denn die anderen, die nun auch zur Arbeit kamen, hätten sich gefragt, was beim Kommandeur los sei oder hätten vielleicht noch anderes vermutet. Ich nahm sie in meine Arme, hielt sie ganz fest. Es war kein amerikanischer Liebesfilm, den wir hier spielten, es war die nackte Existenzangst einer meiner engsten Mitarbeiterinnen. Ihr Ehemann, in unserer Dienststelle als Wachmann beschäftigt, stand ebenfalls vor dem beruflichen Aus. Was empfindet da eine Frau, die selbst immer berufstätig war, zwei Kinder und einen Haushalt zu versorgen hat? In wievielen Haushalten, an wievielen Arbeitsplätzen und in wievielen Ehen haben sich ähnliche Situationen abgespielt. Sozialer Abstieg, Arbeitslosigkeit und das Empfinden, einfach nicht mehr benötigt zu werden, waren Gefühle, die die Ostdeutschen gerade kennenlernten.

Ich konnte auch ihr nicht wirklich helfen. Ich war kein Kommandeur mehr, der Machtbefugnisse hatte oder zumindest auf Entscheidungen Einfluss nehmen konnte. Ich war seit dem 3. Oktober 1990 nicht mehr als ein Verwalter, dem Personal und Material bis zum endgültigen Abschub anvertraut wurden und der die Ehre hatte, möglicherweise als letzter das sinkende Schiff verlassen zu dürfen. »Mädchen komm’, da müssen wir durch«, mehr fiel mir nicht ein. Erst nach mehreren Minuten konnte sie mein Dienstzimmer schluchzend verlassen, um noch ganz verstört an ihre Arbeit zu gehen. Nach der Morgenlage tranken wir zusammen Kaffee.

Diese Begebenheit wird mir immer im Gedächtnis bleiben. Nur das gegenseitige Unterstützen, die menschliche Wärme, die in vielen Herzen noch vorhanden war, half den Betroffenen, psychische Barrieren und Klippen zu meistern.

Ein anderes Beispiel: Korvettenkapitän Just, der als Politoffizier schon vor der Vereinigung gehen musste, entwickelte sich zu einem erfolgreichen Versicherungsvertreter der DEBEKA in Mecklenburg-Vorpommern. Für uns Ostdeutsche gab es damals in der Regel nur die Staatliche Versicherung der DDR, und alles war einheitlich geregelt. Nach dem Fall der Mauer boomte keine andere Branche so stark wie die der Versicherungen. Um uns in einigen Grundfragen des Versicherungswesens zu schulen, wandte sich mein ehemaliger Unterstellter an mich, und wir organisierten gemeinsam mit Regierungsoberinspektor Knuth aus der Unterstützungsgruppe ein Forum in unserer Dienststelle. Mir ging es bei dieser Veranstaltung auch darum, den restlichen Angehörigen des KRR zu demonstrieren, daß man erfolgreich in einer völlig anders gearteten Branche ein neues Leben anfangen kann. Auch ich richtete mich moralisch an solchen Menschen auf. »Wenn er es geschafft hat, werde ich es bestimmt auch packen«, redete ich mir ein und versuchte noch einen dritten Ansatzpunkt aus diesem Treffen herauszuholen. Alles befand sich im Aufbau, warum sollen sich nicht weitere ehemalige NVA-Soldaten in diesem Metier betätigen, wenn sie dazu Veranlagung zeigen und der personelle Bedarf bei den einzelnen Versicherungen vorhanden ist. Herrn Knuth bat ich auf jeden Fall, an dieser Gesprächsrunde teilzunehmen, denn auch er konnte uns nicht wenige Tipps geben.

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