Die Rakete Uran „X-35 Ä“

Die Rakete Uran „X-35 Ä“  – eine der Besten der Welt –

Interview:  Alexeij Ramm und Dimitrij Litowkin

Übersetzungen: Klaus-Peter Gödde, Mai 2017

Der Originalbeitrag unter http://izvestia.ru/news/693812

Foto: Presse-Dienst AO Taktische Raketenbewaffnung

Interview mit dem Raketenkonstrukteur Nikolai Wassiljewüber moderne Ausarbeitungen, die eine veränderte Sichtweise auf die Flotten wirft

Der Bau und die Konstruktion moderner Gefechtsraketen – das ist einer der größten Bereiche nicht nur in Russland, sondern auch in den USA, China und anderen Ländern der Welt. In diesem Exklusivinterview der „Istwestija“ erzählt der Hauptkonstrukteur der Rakete „X-35 Ä“ aus der Kooperation „Taktische Raketenbewaffnung“ Nikolai Wassiljew, warum diese Raketen das Pentagon fürchtet und warum es diese gerne haben möchten.

?    Die Rakete „X-35 Ä“ hat nicht so den Bekanntheitsgrad wie die Flügelraketen „Kalibr“. Trotzdem wird diese Rakete nicht nur von der russischen Flotte und vielen anderen Staaten aktiv gekauft sowohl für die Kriegsschiffe als auch für landgestützte Komplexe und für Flugzeuge. Mit was ist solches Interesse erklärbar?
–    Die Rakete „X-35 Ä“ – ist die erste russische standardisierte Rakete, deren Anwendung von unterschiedlichen Trägern möglich ist. Bis dato verfolgte man den klassischen Ansatz, der darin bestand, dass für die Träger der unterschiedlichen Arten und Waffengattungen (für Flugzeuge, Hubschrauber, Kriegsschiffe, Küstenkomplexe) immer ein spezieller Typ an Rakete dafür geschaffen wurde. Die Herstellung solcher Bewaffnungsarten – ist ein recht teueres „Vergnügen“. Deshalb, um die Ausgaben weitestgehend zu optimieren, wurde entschieden einen vereinheitlichten Raketentyp zu schaffen, den man problemlos von Flugzeugen, Hubschraubern, Kriegsschiffen, Küstenkomplexen und bei unbedingter Notwendigkeit auch von U-Booten aus einsetzen kann.
?    Und welche ausländischen Raketen kann man als Konkurrenten zur „X-35 Ä“ benennen?
–    In erster Linie sind es die amerikanische Harpoon und die französische Exocet. Im Allgemeinen hat jeder moderne Staat, der sich mit der Aufrechterhaltung der Gefechtsbereitschaft seiner  Streitkräfte beschäftigt, solche ähnlichen Waffen. Neben den amerikanischen und französischen Raketen, gibt es Entwicklungen bei den Schweden – das ist die Rakete RBS-15. In China gibt es eine ähnliche Rakete – C-801. Auch Japan und Nordkorea unternehmen Anstrengungen Erzeugnisse diesen Typs zu schaffen.
?    Was kann man über die „X-35 Ä“ im Vergleich zu den ausländischen Analogien sagen?
–    Bis nicht vor allzu langer Zeit wurde die amerikanische Harpoon zu den Top-Raketen gezählt. Aber die Amerikaner stellten sie nur für die engsten Verbündeten zur Verfügung. Deshalb nahmen viele Länder die wohl günstigeren Modelle. Im Besonderen die französische Exocet oder ihre chinesischen Pendants vom Typ C-801. Ich habe oft die Gelegenheit mich mit ausländischen Bestellern zu unterhalten. Diese führen, bevor wir überhaupt mit den Gesprächen beginnen, eine Analyse der gesamten Raketenbewaffnung dieser Klasse durch. Und mir ist es,  ehrlich gesagt, als Konstrukteur sehr angenehm zu hören, dass die Besteller zu dem Schluss gekommen sind, dass die „X-35 Ä“ – einer der Besten seiner Klasse ist. Ich kann in voller Verantwortung erklären: die „X-35 Ä“  und ihre Modifikationen „X-35 UÄ sind auf keinen Fall schlechter, überflügelt sogar in vielen Parametern ihre Gegenstücke.
?    Worin besteht nun der Vorteil Ihrer Rakete gegenüber die ihrer Konkurrenten?
–    Das größte Geheimnis jeder beliebigen Rakete – das ist ihre Eigenschaft Störungen zu wiedererstehen, d.h. die Widerstandsfähigkeit gegenüber funkelektronischen und anderen Störungen. Störungen gibt es aktive, wenn der Zielsuchlenkkopf der Rakete (ZSLA) mit starken radioelektronischen Signalen „erstickt“ wird. Aber es gibt auch passive Störungen. Im Besonderen die sogenannten Düppel-Reflektoren. Fein geschnittene Folienstücke, Glaswolle oder ähnliches. Sie werden in die Luft verschossen und die Miniatur-ZSLA registriert eine riesige Menge reflektierter Signale und kann diese nicht vom ursprünglichen Ziel unterscheiden. Die Gefechtseigenschaft einer Rakete wird bestimmt durch zwei Faktoren. Der erste Faktor ist die Rakete selbst, ihre Eigenschaft ein Ziel zu bekämpfen. Zum Beispiel ist eine Rakete für die Vernichtung eines Raketenschnellbootes mit einer Wasserverdrängung von 500 t bis 1.500 t ausreichend. Aber um bis an das Schnellboot heranzukommen müssen z.B. acht Raketen abgefeuert werden. Sieben werden entweder abgeschossen oder sie werden durch ein System des funkelektronischen Kampfes abgelenkt. Also eine kommt durch und vernichtet das Ziel. Je größer der Störschutz, desto weniger Raketen werden benötigt. Die Anwendung hochgeschützter ZSLA gestattet es den Verbrauch an Kampfmittel zu halbieren: nicht acht Raketen abfeuern, sondern nur vier. Das zweite Kriterium für die Effektivität einer Rakete – die relativen Vernichtungskosten. Das ist das Verhältnis der Anzahl der Raketen, die für die Vernichtung notwendig sind zu den Kosten des Objekts. Die technische Lösung, die einen Störschutz der Rakete gewährleistet – das ist ein Staatsgeheimnis. Aber ich kann sagen: bei der „X-35 Ä“ ist sie bedeutend höher als bei ihren ausländischen Gegenspielern, einschließlich der Harpoon.
?    Ist es wirklich wahr, dass die USA die ZSLA der „X-35 Ä“ kaufen und diese in ihre Harpoon einbauen wollten?
–    Ja, das ist tatsächlich wahr, dass in den 1990-iger Jahren ein Treffen zwischen den Vertretern  von NPP „Radar MMC“, die die ZSLA der „X-35 Ä“ herstellten und den Vertretern der Firma Lockheed stattfand. Die Amerikaner baten um ein Muster der ZSLA, um Tests in Übereinstimmung ihrer Charakteristika mit den Forderungen des Verteidigungsministerium der USA durchzuführen, einschließlich der Test auf Störsicherheit. Wenn die Tests die erklärten Charakteristika entsprochen hätten, wären sie bereit die Harpoon einzubauen. Aber das haben wir ihnen doch nicht gestattet. Nach einer gewissen Zeit nach diesen Gesprächen kam aus bisher nicht erklärten Umständen der Hauptkonstrukteur der ZSLA der „X-35 Ä“ ums Leben. Er wurde im Zug von Moskau nach Sankt Petersburg ermordet. Danach passierte auch noch das der Chef-Algorithmiker, also der Spezialist, der die spezielle Programmsicherstellung für die EDV—Verarbeitung des Zielsuchlenkkopfes ausarbeitet, spurlos verschwand.  Der Verlust von diesen „Hauptideologen“ der Schaffung moderner ZSLA hat uns mindestens für vier Jahre zurückgeworfen.
?    Mit was können sich nun die amerikanischen Entwickler rühmen?
–    Diese Frage müsste man an die amerikanischen Spezialisten richten. Uns ist nur bekannt, dass bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine Modernisierung in der Reichweite und an der Bordapparatur  vorgenommen wurden. Der Rakete wurde versucht das Bekämpfen von auf Land befindlichen Objekten anzulernen. Dafür wurden sie mit GPS-Empfängern und optischen Systemen ausgerüstet. Aber über eine Bestückung mit einer neuen ZSLA ist uns nichts bekannt. Es ist nur bekannt, dass die ZSLA der Rakete Harpoon ein Signal mit einer sehr starken Leistung abstrahlt. Nach unseren Angaben mehr als 6 kW, wenn sie in das aktive Regime im abschließenden Teil der Flugbahn übergeht. Es wird in der gegenwärtigen Etappe bei der Entwicklung der Radartechnik aber weniger auf die Erhöhung der Leistung gesetzt. Dem entgegen  gehen wir den Weg der Verringerung des Signalniveaus bei gleichzeitiger Erhöhung der Gedecktheit und Störunanfälligkeit.
?    Was wird die Zukunft bei Ihren Raketen in der russischen Seekriegsflotte sein? Man erzählt, dass Ihr Komplex in die Bewaffnung des ersten Eisbrechers des Projekts 23550 geht. Das ist ein besonderes Schiff mit einer ganz spezifischen Form des Schiffskörper. Was bewegte die Schiffsbauer darauf einen Raketenkomplex zu installieren?
–    Es gibt eine moderne Konzeption, die in den letzten 3-5 Jahren entwickelt wurde. Das ist der Aufbau einer universellen Plattform. Kriegsschiffe wurden früher aus Sicht einer Konzeption von gewaltigen Schlagkomplexen entwickelt. Auf ihnen war in der Regel nur ein Hauptkomplex untergebracht. Zum Beispiel nur „Uran-Ä“ oder nur der Komplex „Jachton“. Im Ergebnis konnte das Schiff, wenn es auf Gefechtsfahrt auslief, eben nur diese eine Aufgabe erfüllen. Nun hat sich in den letzten Jahren diese Konzeption einer engen Spezialisierung der Trägerschiffe mit Raketenbewaffnung geändert. Da gibt es den Begriff des „offenen Hecks“. Die Konzeption des Baus solcher Schiffe ist einfach. Wir bauen eine schiffsgestützte Plattform, auf der es neben eine Navigationsausrüstung für die Erfüllung von Aufgaben der Schifffahrt, auch eine Verteidigungskomponente gibt. Im Heckteil gibt es freie Abschnitte, in denen man einige leichtauswechselbare Module unterbringen kann. Und in jeder von ihnen – jeglicher Typ von Bewaffnung. Zum Beispiel UAW, Raketen, Minenräummittel. Das Schiff kann auch zum Minenlegen eingesetzt werden. Bei solcher Herangehensweise kann man ein Trägerschiff schaffen, bei der man sich nicht nur zur Lösung einer konkreten Gefechtsaufgabe bindet, sondern in Abhängigkeit von der Gefechtslage die entsprechenden Kampfmodule einbaut. Die Elektroversorgung und die Pairing-Information der Gefechtsmodule müssen mit den Schiffssystemen nach dem Prinzip einer „offenen Architektur“ unter Nutzung von standardisierten Kopplungen und einem standardisierten IT-Interface organisiert sein.
?    Aber wie steht es mit der Ausbildung des Personalbestands bei solchen universellen Plattformen?
–    Leider ist bei den Seemännern die Weltanschauung noch solche: der GA-2 (Gefechtsabschnitt) – Raketenbewaffnung. Wenn das Schiff ausläuft und an Bord ist keine Raketenbewaffnung, wozu benötigt man dann Spezialisten des GA-2? Wenn diese nicht an Bord sind, ergibt sich die Frage, wo ist der Personalbestand des GA-2? Ihn muss man in Reserve halten und ständig an Simulatoren trainieren. Wenn die Bewaffnung übernommen wird, geht auch der entsprechende Personalbestand an Bord. Scheint eigentlich ganz logisch, ist aber ein großer Gedankenumschwung bei den militärischen Führungskräften. Früher konnte man in den GA eines beliebigen Kriegsschiffes eine Ansammlung unterschiedlicher Ausstattung, Steuersysteme, Navigations- und Radaranlagen usw. entdecken. Die moderne Konzeption hat ein nur noch einheitliches Design. In dem entsprechenden GA sind nur noch gleichartige, universelle  und multifunktionale Geräte untergebracht. Der Kommandant kann sich hinter jeden beliebigen Platz setzen und von da aus entweder die Arbeit eines beliebigen Operators beobachten als auch selbst die Arbeit ausführen oder sogar die Waffe einsetzen. Für diese Herangehensweise ist eine universell ausgebildete Besatzung notwendig, bei der jedes Mitglied der Mannschaft nicht nur seine direkten Pflichten erfüllen kann, sondern im Fall der Notwendigkeit, auch andere Waffen einsetzen kann. Der Automatisierungsgrad in unserem Komplex ist sehr hoch. Es muss die eng spezialisierte Ausbildungseinteilung: „Ich – der Funkmesser“, „Ich – der Raketen-“, und „Ich – der Torpedospezialist“ überwunden werden. Das Leben selbst wird uns dazu zwingen. Zum Beispiel muss der „lautstarke“ Bordfunk sterben. Die gesamte Besatzung, vom Kommandant bis zum Matrosen, muss mit einer Garnitur verbunden sein. An Bord muss ein militärisches Wi-Fi mit Standortbestimmung funktionieren, bei der je nach Notwendigkeit man sehen kann, wo sich gerade jedes Besatzungsmitglied aufhält.

 

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Holger Neidel

T-50 wurde zum Bekämpfen von Schiffen „angelernt“

Dank der Rakete X-35 wurde das russische Jagdflugzeug der 5. Generation zur universellen Kampfmaschine.

Von Alexeij Ramm und Dimitrij Litowkin „Istwestija“ vom 02. Mai 2017

Das russische Jagdflugzeug der 5. Generation T-50 wird zum echten „ship-killer“. In den Bestand seiner Bewaffnung ging die neueste taktische Antischiffs-Flügelrakete X-35 UE ein. Sie ist in der Lage jedes beliebige Seeziel – vom kleinen Landungsboot bis zum Flugzeugträger, auch Landziele, Befestigungsanlagen, Silos sowie Lagerstätten und auch einzelne Gefechtstechnik zu bekämpfen. Nach Meinung der Experten ist dieser Newcomer T-50 nicht nur einfach ein Jagdflugzeug, sondern eine multifunktionale Kampfmaschine.
Material zum Thema: ODK annoncierte den ersten Flug des T-50 mit einem neuen Triebwerk.
Armee: Die Luftstreitkräfte der RF werden mit Minimum einem Geschwader aufgefüllt.
Armee: Wie „Iswestija“ mitteilt, sind in der Kooperation „Taktische Raketenbewaffnung“ die Tests der X-35 UE im Bestand der Bordapparatur des T-50 abgeschlossen. Die Rakete wird schon bei den bordgestützten Jagdflugzeugen MIG-29K/KUBR und beim Kampfhubschrauber Ka-52 eingesetzt.
Wir haben die gegenseitige Verträglichkeit der Bordapparatur des Jagdflugzeugs mit der Rakete getestet, – teilte der Hauptkonstrukteur des Raketenkomplexes Nikolai Wassiljew der „Iswestija“ mit. Die Rakete ist fest in den Bestand der Bordapparatur des Flugzeugs integriert. Tatsächlich wird die Rakete, nach den Worten von Nikolai Wassiljew, auf Grund seiner Ausmaße nicht innerhalb eine Luke für Bewaffnung im Stelth-Jäger untergebracht, sondern an den äußeren Aufhängungen.

Die Entwicklung der Rakete X-35 (NATO-Klassifizierung – AS-20 KAYAK) begann 1982 in Antwort auf das Erscheinen der französischen Rakete MM38 Exocet. Diese Raketen erlangten ihren Ruhm in der Zeit des Falkland-Konflikts Argentinien gegen Großbritannien. Mittels ihrer Hilfe wurde der britische Zerstörer „Shefield“ und ein Containerschiff versenkt sowie der Zerstörer „Glamorgan“ schwer beschädigt. In den russischen Seekriegsflotten wurde die X-35 eine Waffe der Selbstverteidigung für alle Schiffstypen mit einer Wasserverdrängung größer 5.000 BRT.
Die verbesserte X-35 UE erhielt den Index „U“ – universal. Ihre Träger waren jetzt nicht nur die Schiffe, sondern auch Flugzeuge, Hubschrauber und Küstenraketenkomplexe. Das neue Gerät hat abklappbare Flügel und einen verkürzten Luftansaugschacht. Ihre Startmasse – 550 kg. Davon gehen 145 kg auf das Gefechtsteil. Die Fluggeschwindigkeit – 300 m/s. Reichweite – 260 km.
Eine besondere Dual-Band-ZSLA führt die Rakete ins Ziel. Das erste Arbeitsregime ist aktiv. Dabei schaltet für Bruchteile einer Sekunde die Rakete die ZSLA auf „Zielsuche“. Das zweite und Hauptregime ist passiv. In diesem Regime „skaniert” die Rakete nicht etwa den Raum, sondern fängt Impulse auf, die die Radaranlagen der gegnerischen Schiffe aussenden. Deshalb ist die X-35 UE bis zum letzten Moment eine völlig anders geartete Radaranlage. Außerdem kann sie nicht nur Schiffe, Transporter „sehen“, sondern auch Raffinerien, Hafenanlagen und landbewegliche Panzertechnik.
Die Integration der Rakete X-35 UE in den Bestand der Bordbewaffnung des Jagdflugzeuges T-50 gestattet es ihm sich vollständig anders darzustellen als die seiner Vorgänger, erzählt der „Istwestija“ der Redakteur des Journals „Waffen-Export“ Andrej Frolow. Der Einsatz der neuen Flügelrakete in seine Bewaffnung macht das T-50 zu einem multifunktionalen Jagdflugzeug, welches fähig ist, sowohl Luftziele, als auch See – und Landziele zu bekämpfen.
Die X-35 UE ist in begrenztem Maße den westlichen Entwicklungen ähnlich: der luftgestützten Variante der französischen AM-39 und der amerikanischen AGM-84 Harpoon. Die westlichen Gegenspieler wurden mehrfach in militärischen Konflikten eingesetzt. Die X-35 UE wurde bisher noch in keinem Gefecht eingesetzt. Nichtsdestotrotz kann man aus dem Vergleich ihrer Charakteristika entnehmen, dass die X-35 UE ein effektiver Konkurrent ist. Gerade weil diese über kein passives Lenksystem verfügen.

 Quelle: https://www.youtube.com