Frank Scholz

Erinnerungen an meinen Grundwehrdienst in der KRA-18
November 1979 – April 1981
Ein Bericht von Frank Scholz

Wie jeder Grundwehrdienstleistende, der zur Marine eingezogen wurde, absolvierte ich meine vierwöchige Grundausbildung in der Schiffsstammabteilung auf dem Dänholm. Nach dieser Zeit war natürlich jeder gespannt, in welcher Flottille man seine restlichen 17 Monate des Grundwehrdienstes absolvieren sollte. Alle Matrosen standen auf dem langen Flur und warteten gespannt darauf, dass sein Name aufgerufen wird. Als mein Name fiel habe ich leider nichts verstanden, was da zu meiner Zukunft gesagt wurde. Mit einer Flottille hatte das jedenfalls nichts zu tun. Nach Beendigung dieser Veranstaltung bin ich dann zu den Verantwortlichen gegangen, um nachzufragen, wo ich denn eigentlich eingesetzt werde. Dabei stellte ich fest, dass es zwei anderen Matrosen genauso ging wie mir. Wir bekamen zu erfahren, dass wir zur „KRA-18“ gehören. Näheres konnte oder wollte man uns nicht sagen. Wir sollten einfach warten bis sich jemand meldet. Als dann irgendwann die anderen Matrosen abgeholt waren und der Flur bzw. das Gebäude leer war, kam Bewegung in die Sache. Nach und nach trafen weitere Matrosen, Maate und relativ viele Offiziere ein. Zusammen waren es 10 Matrosen, 3 Maate und 7 Offiziere. Als alle anwesend waren, kam der erste Auftritt von Fregattenkapitän Stippkugel. Er gab uns kund, das KRA-18 Küstenraketenabteilung-18 bedeutet und das wir die ersten Matrosen in dieser Einheit sind. Das war für uns natürlich etwas ganz Besonderes. Welcher Matrose konnte schon von sich sagen, dass er nach 4 Wochen Grundausbildung schon EK (Entlassungskandidat) war? Wir hatten ja niemanden, der vor uns entlassen wird. Wir waren die Ersten.
Weiterhin erklärte uns Fregattenkapitän Stippkugel, dass wir noch keine entsprechende Unterkunft haben und für die nächsten Wochen in der Schiffsstammabteilung bleiben.
Am Ende seiner kurzen Ausführungen erteilte er uns seinen ersten Befehl. Ich glaube, auch dieser Befehl hat einen „Einmaligkeitswert“. Und zwar befahl er uns, dass alle vom 22. Dezember 1979 bis zum 03. Januar 1980 in Urlaub zu gehen haben. Als er unsere ungläubigen Gesichter gesehen hatte, wiederholte er seinen Befehl noch einmal.

Da wir in der Schiffsstammabteilung keine Technik und auch keine Kalaschnikow hatten, kam mir diese Zeit wie eine verlängerte Grundausbildung mit vielen sportlichen Aktivitäten vor. Sport war für mich kein Problem, da es eigentlich mein Hobby war.
Im Februar 1980 kam dann etwas Abwechslung in den Alltag. Ich durfte die Typenberechtigung für den W 50 machen.
Im März kamen dann die ersten Raketen in Schwarzenpfost an. Mit dieser Zeitangabe weiche ich von den Ausführungen des Fregattenkapitän Stippkugel ab. Wir sind mit drei Matrosen und einem Maat von Stralsund nach Schwarzenpfost gefahren, um diese Raketen zu entladen. Für mich war das ein beeindruckendes aber auch ein beängstigendes Erlebnis. Ich hatte schließlich zum ersten Mal solche Waffen entladen, die Raketen aus den Containern geholt und in eine Halle gefahren. Dass ich in einer Einheit war, die mit solchen Raketen auch schießen sollten, daran wollte ich lieber nicht nachdenken.

Ende März bekam ich dann den Befehl, dass ich mich in Tilzow, bei der Raketentechnischen Abteilung für Raketenschnellboote der 6. Flottille, melden soll. Was dort meine Aufgabe sein sollte, hatte man mir jedoch nicht mitgeteilt. Also packte ich meinen Seesack und machte mich auf den Weg nach Tilzow. Dort angekommen, wusste aber auch keiner so richtig für was ich vorgesehen war. Man steckte mich schließlich zu den Kraftfahrern. Einen Monat später machte ich dann die Typenberechtigung für den ZIL-131. Erst zu diesem Zeitpunkt bekam ich die Information, dass ich eigentlich das Betanken von Raketen mit Raketentreibstoffkomponenten in Tilzow erlernen sollte. Ich war damals sehr froh, dass ich aufgrund einer Kommunikationsschwäche kein Raketentankwart wurde.
Weiterhin erfuhr ich, dass in Tilzow ebenfalls Matrosen waren, welche zur KRA-18 gehörten. Diese Matrosen wurden nach der Grundausbildung direkt nach Tilzow versetzt.
Laut Bericht von Kommandeur Stippkugel sollte die gesamte Abteilung am 29. April 1980 nach Schwarzenpfost verlegt werden. Dies galt aber nur für den Teil der Einheit, der noch in der Schiffsstammabteilung in Stralsund war. Für diejenigen, die in Tilzow waren, ging es erst am 28. Juni 1980 nach Schwarzenpfost.
Da inzwischen auch schon die „Neuen“ da waren, wurden in Schwarzenpfost eine 2. Baracke benötigt, um alle unterzubringen.

Die folgenden Wochen waren sehr abwechslungsreich. Es wurden immer mehr Fahrzeuge geliefert bzw. es wurden Fahrzeuge von anderen Standorten geholt. So wurde z.B. durch die gesamte DDR gefahren um zwei LKW W-50 aus Pirna zu holen.
Auch das Fahrzeug, welches für mich bestimmt war, kam irgendwann an. Es war ein Tankfahrzeug für Brennstoff vom Typ ZIL-131. Bis zu meiner Entlassung hat dieses Fahrzeug aber keinen Brennstoff gesehen, da wir noch kein Raketentreibstofflager hatten.
Auch weitere Raketen wurden geliefert, die am Bahnhof in Frankfurt (Oder) von uns übernommen wurden. Bei einer Übernahme und dem anschließenden Bahntransport nach Schwarzenpfost war ich mit dabei. Bei diesem Transport ging einiges schief. Wir standen zwei Tage in Frankfurt (Oder), bevor es endlich losging. In Wriezen hat man unsere Wagengruppe beim Rangieren auseinandergerissen und Raketen, Pulverwaggon sowie unseren Mannschaftswaggon einzeln und auf verschiedene Gleise die Rangierrampe runterrollen lassen. Bei dem folgenden Aufprall kann sich sicher jeder vorstellen was mit uns im Mannschaftswaggon passiert ist. Am härtesten hatte es Kapitänleutnant E. getroffen. Ihn hatte es gegen den Kanonenofen, der in der Mitte des Wagons stand, geschleudert.
Nach weiteren zwei Tagen Wartezeit ging es dann endlich weiter. Am 5. Tag brachte uns Kapitänleutnant K. den dringend benötigten Verpflegungsnachschub. Nach sieben Tagen sind wir dann endlich, leicht erschöpft, in Schwarzenpfost angekommen.

Ende 1980 wurde die erste Gefechtstechnik geliefert. Wenn es um die Startrampen ging, sprach man aus Geheimhaltungsgründen damals nur von Shelter 1 und Shelter 2. Diese Startrampen wurden in Schwarzenpfost entladen und an einer freien Stelle im Kfz-Park abgestellt. Anfänglich mussten diese von uns rund um die Uhr bewacht werden.
Es dauerte auch nicht lange bis sowjetische Spezialisten eintrafen. Diese schulten Teile des Personals der KRA-18.
Mich betraf das alles nicht, da ich wie schon erwähnt, ein Tankfahrzeug für Brennstoff hatte und bis zum Ende meines Grundwehrdienstes keinerlei Voraussetzungen für das Betanken dieser Raketen vorhanden waren. Meine einzige Qualifizierung in dieser Zeit bestand darin, dass ich die Bedienungsberechtigung für das Neutralisations- und Löschfahrzeug 8T311 erlangte.
Ja, so langsam ging dann auch mein Grundwehrdienst zu Ende. Ich könnte noch über vieles berichten aber das würde an dieser Stelle zu weit führen. Vielleicht noch zwei, drei Erinnerungen:

Anfang November 1980 fielen die beiden Zivilangestellten im Heizhaus aus. Auch das war für uns kein Problem. Nach einer kurzen Einweisung haben wir selbst für warme Baracken und Häuser am Standort Schwarzenpfost gesorgt.
Zurückblickend muss ich auch sagen, dass bei der KRA,18, aber auch in Tilzow Kultur und Sport eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben. In Tilzow trat z.B. der Kabarettist Lutz Stückrath für uns auf. Der dortige Korvettenkapitän lud auch mal gern zehn Matrosen zum Kegeln ein und Fußball war in Tilzow immer angesagt. Auch lernte man an diesem Standort das „schnelle“ Kartoffelschälen. Jeden Abend mussten wir Matrosen abwechselnd für den nächsten Tag die benötigten Kartoffeln schälen.
In Schwarzenpfost war ebenfalls Fußball oft angesagt. Aufgrund der fehlenden Voraussetzungen fanden die Spiele aber in der Sporthalle von Gelbensande statt. Das waren mitunter sehr “harte Gefechte”, wenn die Matrosenmannschaft gegen die Mannschaft der Offiziere und länger dienenden Unteroffiziere gespielt hat. Ein Höhepunkt war für mich auch der Besuch des Handball-Europapokalspieles Hansa Rostock gegen Real Madrid. Aber auch Theater- und Konzertbesuche wurden uns angeboten. Weiterhin wurde eine abendliche Schifffahrt auf der Ostsee mit einem Vergnügungsschiff für die gesamte Einheit organisiert. Das war eine tolle Sache. Im Anschluss dieser Fahrt kam dann Kapitänleutnant E. mit nach Scharzenpfost, obwohl er kein OvD (Offizier vom Dienst) war. Er ahnte wahrscheinlich was hätte passieren können. Nicht umsonst wurden, für eine gewisse Zeit, zwei OvD’s eingesetzt. Warum das so war, überlasse ich der Fantasie des Lesers.
Am Ende unseres Grundwehrdienstes wollten alle nur schnell nach Hause. Unsere Sachen waren gepackt und wir wollten los. Dann kam aber das Stoppsignal. Fregattenkapitän Stippkugel bestand darauf, dass wir mit ihm noch gemeinsam zu Mittag essen. Er hatte für uns extra ein Festtagsmenü zubereiten lassen. Nach diesem Essen löste sich dann die Truppe auf und die erste Entlassung bei der KRA-18 war Geschichte.

Persönlich hat mich der Grundwehrdienst bei der KRA-18 für mein weiteres Leben positiv beeinflusst. Im Februar 1981 ließ unser Zimmer (wir waren 6 Matrosen) eine Kontaktanzeige in die Zeitung „Junge Welt“ setzen. Aufgrund dieser Anzeige erhielt ich Ende März, also 4 Wochen vor meiner Entlassung, einen Brief von einer jungen Studentin. Diese Studentin von damals ist jetzt mittlerweile seit fast 37 Jahre meine Frau.

Frank Scholz

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