Der letzte Jahrestag der DDR

“Eine Elite-Einheit der NVA rüstet ab” Der letzte Jahrestag der DDR

Während wir im Küstenraketenregiment 18 die Raketen und Startrampen auf dem Prüfstand für den Raketenschießabschnitt testeten, bereiteten wir uns zeitgleich auf die Teilnahme an der militärischen Ehrenparade zum 40. Jahrestag der DDR in Berlin vor.

Außer den Fußtruppen, die sich aus den drei Teilstreitkräften der NVA zusammensetzten und im Abschluss der Parade an der Ehrentribüne mit Glanz und Gloria vorbeidefilierten, nahmen auf Grund der Bindung zum nassen Element in der Regel keine Einheiten oder Truppenteile16 der Marine an Paraden teil. Nur 1984, kurz nach der Aufstellung des KRR-18, fuhren zwei Startrampen und zwei Nachladefahrzeuge mit Raketen als »landgestützte Repräsentanten der Marine« in der Parade mit.

Nun bereitet sich im Jahr 1989 die 1. Küstenraketenabteilung (1. KRA) zum ersten Mal wieder auf einen solchen Vorbeimarsch vor. Das KRR musste also mehrere Aufgaben gleichzeitig lösen. Die Soldaten mussten erstens den Raketenschießabschnitt mit der 2. KRA vorbereiten und erfolgreich absolvieren und zweitens die Marine auf der Parade in Berlin-Mitte würdig vertreten.

Und noch ein drittes Ereignis stand uns bevor: die Auszeichnung des Küstenraketenregiments-18 mit dem Titel »Bester Truppenteil«.

Diese Herausforderungen lagen zeitlich eng zusammen und waren somit miteinander verquickt. Erreichte das Regiment beim Raketenschießen nicht sehr gute Ergebnisse, dann machte eine Auszeichnung oder eine Paradeteilnahme wenig Sinn. Unser Kommandeur und die gesamte Truppe gingen also ein großes Risiko ein.

Der Raketenschießabschnitt lag erfolgreich hinter uns, die zweite Aufgabe vor uns. Die 1. KRA erhielt rechtzeitig vom damaligen Kommandeur des Regimentes, Kapitän zur See Dr. Joachim Dix, eine konkrete Aufgabe und wollte diese eigenständig und vorbildlich erfüllen.

Jürgen Galda, der Stellvertreter für Technik, sollte die Befehle des Regimentskommandeurs durchsetzen. Er ist ein feiner Mensch, ab und zu etwas hektisch, aber ein Spezialist auf dem Gebiet der Kraftfahrzeugtechnik, ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen. Ich kam sehr gut mit ihm aus und achtete ihn sehr. Schon 1984 hatte er die Parade vorbereitet und wusste also genau Bescheid. Bekam er eine Aufgabe, meistens organisatorisch-materieller Natur, dann blieb Jürgen für eine gewisse Zeit unauffindbar, tauchte dann aber beispielsweise mit dem benötigten Ersatzteil wieder auf. Woher und wie er es bekam, darüber schwieg er in der Regel.

Unter seiner Leitung  bereiteten nun die 1. KRA und die ihr zugeteilten Kräfte mit aller Intensität Technik und Personal für die Parade vor. Neben diesem Ereignis in Berlin, bei dem besonders die Truppen der Landstreitkräfte und auch die Kräfte der Luftverteidigung dominierten, zeigten die Seestreitkräfte in Rostock-Warnemünde ihre unterschiedlichen Schiffs- und Bootstypen sowie einige Marinehubschrauber.

In Berlin mussten sich fünf SSR sowie fünf Nachladefahrzeuge (eine jeweils in Reserve) mit je zwei Schiff-Schiff-Raketen17 inmitten der Panzer, Haubitzen, taktischen Raketen und anderen Technikeinheiten behaupten. Für die Absicherung unserer Paradekräfte sorgten Autodrehkräne, Werkstattwagen, herkömmliche LKW und andere Technik von Mitte August bis zum 7. Oktober.

Gemeinsam mussten ja mit der 2. KRA die befohlenen Aufgaben des Gefechtsdienstes (GD) erfüllt werden.

Der sogenannte Gefechtsdienst musste, nach abgestimmtem Plan der Verbündeten Ostseeflotte, permanent Aufklärungsergebnisse auf See erbringen, gegnerische Schiffen begleiten und bei Notwendigkeit als erste Kraft an möglichen Kampfhandlungen teilnehmen. Im KRR-18 gehörten zum GD ständig zwei SSR mit insgesamt vier verschußklaren Raketen an Bord, zwei Führungsfahrzeuge mit der notwendigen Nachrichten- und Führungstechnik sowie Sicherstellungstechnik und Regulierungskräfte. Das Personal, ungefähr 30 Mann, wurde wöchentlich vergattert und hielt sich somit nur in der Dienststelle auf (das traf besonders für die Mannschaftsdienstgrade zu), oder musste umgehend im nahegelegenen Gelbensande (dort lebte die Masse der Berufssoldaten mit ihren Familien) oder sogar in Ribnitz-Dammgarten, Rövershagen und Rostock alarmiert und herangeholt werden.

Gemäß dem Normzeitkatalog verließen diese Kräfte und Mittel 60 Minuten nach Auslösung des Alarms das Objekt, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Dieses System funktionierte und galt für alle Gefechtsdiensteinheiten in allen Teilstreitkräften. Dieser Gefechtsdienst war für alle Beteiligten sehr anspruchsvoll und anstrengend. Erst im darauffolgenden Jahr lockerten sich die Bedingungen im Diensthabenden System (DHS) in der Flotte und in der NVA überhaupt. Zwar befanden sich weiterhin alle vier Startrampen der 1. KRA im DHS, aber nur zwei waren integriert, die anderen zwei befanden sich in einer Verfügbarkeitsbereitschaft von 72 Stunden. Früher rollten nach Auslösung der Stufe »Erhöhte Gefechtsbereitschaft« (EG) die 3. und 4. SSR, nachdem sie mit Raketen beladen worden waren, nach x plus 6:35 Stunden bzw. nach x plus 8:50 Stunden in den Warteraum Darß. Jetzt, bei der 72-Stunden-Bereitschaft, konnten sich die Angehörigen des GD noch einmal umdrehen und bis zum Morgen weiterschlafen.

Die vier SSR der 2. KRA befanden sich ab März 1990 in der Reserve der Kategorie 3. Sie waren der Reparaturgruppe des Bereiches Raketenbewaffnung zugeteilt und wurden durch sie gewartet.

Jedem ist klar, dass eine Truppe, die zur Parade fährt, viel an ihrer Technik und natürlich an sich selbst arbeiten muss, um alles in einen Zustand zu bringen, den man nach außen, auch vor der Weltöffentlichkeit, zeigen kann. Die  Parade nahmen wir deshalb auch zum Anlass, um dieses oder jenes nachzuholen, was nach der taktischen Ausbildung oft zu kurz gekommen war. Wir nutzten also die zur Verfügung stehende Zeit für eine gründliche Pflege und Wartung und natürlich auch die Mittel, die sonst nicht so zur Verfügung standen.

Solche besonderen Belastungen formten natürlich die Beziehungen der beteiligten Menschen und Kollektive. In Gesprächen mit meinen Unterstellten erfuhr ich, dass unter der Führung des zweiten Kommandeurs des KRR-18, des Kapitäns zur See Lothar Schmidt, wesentliche Fortschritte bei der Umsetzung und Ausprägung der Taktik der KRT erreicht wurden. Aufgabenerfüllung, Gefechtsbereitschaft und Gefechtsdienst sowie gute Ausbildungsergebnisse haben die Angehörigen des Regimentes abrechnen können. Dagegen erinnerte man sich auch an weniger positive Erfahrungen. Starke persönliche Belastungen und Entbehrungen vieler Soldaten, ein oft sehr harter Umgangston und einzelne Spannungsfelder zwischen Vorgesetzten und Unterstellten, aber auch zwischen einzelnen Bereichen oder Einheiten, prägten die Beziehungen. Vorkommnisse, auch im Zusammenhang mit Alkohol, standen oft im Mittelpunkt des Disziplinargeschehens und der parteipolitischen Erziehungsarbeit. Auch die damaligen Beziehungen des KRR-18 zu anderen Diensten des Kommandos der Volksmarine, z.B. zu den Rückwärtigen Diensten des KVM, waren nicht immer die besten. Kapitän Schmidt muss sich nach Aussagen seiner damaligen Unterstellten recht eigenwillig gegenüber Außenstehenden verhalten haben. Hilfe oder mancher Ratschlag verpufften ins Leere.

Deshalb entwickelten die verschiedenen Dienste des Kommandos Volksmarine (KVM) auch keine besonderen Aktivitäten im Interesse des Regimentes; die Zusammenarbeit beschränkte sich nur auf das Notwendigste oder auf das Befohlene. Anstehende Probleme löste der damalige Kommandeur des KRR-18 einfach über den Chef der Volksmarine, sozusagen auf der Befehls- und Meldelinie. Es gab wohl sehr wenige Offiziere im Kommando der Volksmarine, die einen Befehl des Admirals Wilhelm Ehm nicht sofort ausgeführt hätten. Mit der Zeit rächte sich das relativ unausgewogene Verhältnis. Auch die Zunahme der Vorkommnisse und der inneren Probleme im Regiment veranlasste die Führung der VM zu einem Kommandeurswechsel.

Kapitän zur See Joachim Dix setzte ganz andere Akzente. Er führte das Regiment aus seiner relativ isolierten Stellung innerhalb der Volksmarine heraus und formte es zu einem anerkannten Truppenteil. Kapitän Dix, ein hervorragender Stabsoffizier, kam aus der Fachrichtung Funkelektronischer Kampf (FEK)18 und versah, bevor er in das KRR-18 versetzt wurde, elf Jahre im Kommando der Volksmarine seinen Dienst. Er kannte alle Entscheidungsträger im KVM persönlich sehr gut und pflegte ein freundschaftliches Verhältnis zum neuen Chef der Volksmarine, dem Vizeadmiral Theodor Hoffmann. Das Verständnis für das Funktionieren des Kommandoapparates und die persönlichen, offenen Kontakte zu fast allen Vertretern des Kommandos, aber auch zu den Chefs und Kommandeuren der Verbände und Truppenteile förderten einen erfolgreichen Neuanfang.

Das Regiment öffnete sich nach außen und plötzlich war manches schnell möglich, was der frühere Instanzenweg direkt oder indirekt blockierte. Die Angehörigen des Regimentes konnten sich unter den neuen Bedingungen wesentlich freier entwickeln.

Das soll aber nicht heißen, dass nun alles in Hülle und Fülle da war, egal was es kostete. Es lief halt alles einfacher und lockerer. Die Kontakt- und Formulierfreude sowie der unbestrittene Humor von Dix beförderte solches Klima.

Die Arbeit machte Spaß, man ging gern zum Dienst. Auch die Mannschaftsdienstgrade vermerkten dieses Verhältnis positiv. Mancher trockene Witz vor versammelter Mannschaft, dieser oder jener flotte Spruch an passender Stelle verschafften dem Kommandeur Respekt und Anerkennung in der Truppe. Die Soldaten freuten sich über ein Lob, akzeptierten aber auch einen berechtigen Tadel und stellten die kritisierten Mängel ab. Diese Atmosphäre bemerkte ich sofort, als ich meinen Dienst im Oktober 1988 im KRR-18 antrat. Zu diesem Zeitpunkt wurde Fregattenkapitän Dr. Dix durch den Minister für Nationale Verteidigung zum Kapitän zur See ernannt. Damals schon bemerkte ich, dass er unheimlich stolz auf diesen Sprung in seinem Leben war. Das ist natürlich, denn nicht jeder wird Kapitän zur See. Hin und wieder spürten wir das auch in seinem Auftreten. Diese Eigenschaft überbewertete ich nicht, den Matrosen und Maaten blieb diese ohnehin verborgen. Wichtig war, dass wir alle gemeinsame Ziele hatten und auch alle zusammen darum kämpften, diese zu erreichen, egal, ob es um den Gefechtsdienst oder um die Freizeit, ob es um das Raketenschießen oder in diesem Fall um die Parade in Berlin ging. Kapitän Dix hatte ein gutes Gespür für die Sorgen und Probleme seiner Unterstellten. Dabei spielte der Dienstgrad und die Dienststellung keine Rolle.

Ich erinnere mich meines Wohnungsproblems. Meine vom KRR und Kommando der VM erwünschte Versetzung von Dranske nach Rostock knüpfte ich an eine Bedingung – der Bereitstellung einer Wohnung in Rostock. Obwohl versprochen, dauerte die Wochenendfahrerei zwischen meinem Wohnort und der Dienststelle Schwarzenpfost fast ein Jahr, bis ich eine Wohnung in Rostock bekam. Ich war nicht der einzige, dem Dix half. Deshalb stand die Truppe im Wesentlichen hinter ihrem Regimentskommandeur.

Mittwochs gingen wir, wenn es die Zeit erlaubte, in die Sauna des Kommandos der Volksmarine. Dort sprachen wir über alles Mögliche, denn im Dienst ergab sich nicht immer die Möglichkeit. Oft begleiteten uns auch Offiziere der Stabsabteilung Operativ oder Ausbildung. Handlungs- und Denkweisen zwischen Vertretern des KVM und des KRR-18 näherten sich an. Das erwies sich in vielen Situationen als sehr vorteilhaft.

Mit der Vorbereitung auf die Parade ging das KRR-18  mit großen Schritten einem Höhepunkt in seiner Geschichte entgegen. Es sollte zugleich auch der Höhepunkt in der Karriere seines Kommandeurs werden.

Im KRR-18  dachte die Truppe immer etwas anders als der Stab. Oft vergaßen Allzuleichtfertige, dass es viele Stabsarbeiter gab, die sich uneigennützig für die Truppe einsetzten.

Die Mannschaften und deren Vorgesetze waren der Praxis am nächsten, sie mussten die befohlenen Aufgaben umsetzen. Manches kluge Wort oder mancher kühne Entschluss lässt sich relativ schnell und einfach formulieren und aussprechen, ihn umzusetzen, ist der kompliziertere Schritt. Mancher Kommandeur, Stabsoffizier oder Fachoffizier ist dabei gescheitert und erlangte keine Akzeptanz in der Truppe. Das Kuriose dabei, gerade diese Offiziere landeten auf Grund ihres Versagens oft entweder in vorgesetzten Stäben oder in Lehreinrichtungen. Diesen Prozess nannte man »die Treppe nach oben stolpern«.

Die Kluft zwischen Truppe und Stab war ohne Frage vorhanden, drohte sie aufzubrechen, steuerte Kapitän Dix rechtzeitig dagegen. Manchmal wurde die Truppe zurechtgestaucht, ein anderes Mal suchte man die Fehler bei sich und sprach offen in der Mitgliederversammlung der Parteigrundorganisation des Stabes oder im Stellvertreterkreis mit den entsprechenden Kommandeuren.

Auch in meiner Tätigkeit, zuerst als Stellvertreter für Raketenbewaffnung und später als Kommandeur, existierte dieses Problem. Ich habe mich immer bemüht, die Probleme der Truppe nicht zu unterschätzen. Aber auch die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen wir unsere Aufgaben erfüllten, ließen uns zusammenrücken.

Die 1. KRA ging mit großem Eifer an die Vorbereitung der Parade zum 40. Jahrestag der DDR. Die befohlenen Technikeinheiten wurden bei uns in solchen Zustand gebracht, dass sie die vom Paradestab festgelegten Kriterien erfüllten. So pflegten und warteten die Angehörigen der 1. KRA von Anfang August an ihre Kampftechnik und schoben mit Kräften der 2. KRA Gefechtsdienst. Am 11. September 1989 verlegte die Abteilung in das Truppenlager 3 nach Paaren am Autobahnabschnitt Kilometer 149 auf den Berliner Ring. Dort übte sie das »Verbandsfahren«, danach ging es nach Lehnitz bei Berlin. In dieser Dienststelle befand sich das Artillerieregiment-1. Ich bedauere sehr, dass ich nicht in Paaren und in Lehnitz, sondern erst bei der letzten Etappe in Berlin dabei war.

In der Zeit, als mitten in der Republik Marinesoldaten sich und ihre Technik auf die Ehrenparade vorbereiteten, begann im Objekt Schwarzenpfost der Countdown zum 40. Jahrestag der DDR, zum Auszeichnungsakt für den Titel »Bester Truppenteil«.

Ein jeder, der beim Militär seinen Dienst geleistet hat, weiß aus Erfahrung, dass bei hohem Besuch alles, aber auch ausnahmslos alles geputzt und gewienert wird. Die Liste ist schier endlos, was so alles auf Vordermann gebracht werden muss. Rasen mähen, Unterkünfte neu tapezieren und streichen, riesige Beton-und Asphaltflächen fegen, die gesamte Technische Zone und den Kfz-Park aufräumen und sogar das Stabsgebäude mit einem neuen Anstrich versehen. Der geriet bei uns zu einem richtigen Tarnanstrich, weil die vorgesehene olivgrüne Farbe nicht ausreichend vorhanden war. So erstrahlte der Stab in blätterfarbigen hell-und dunkelgrünen sowie braunen Farbtönen. Es sah so originell aus, dass gleich noch ein paar kleinere Gebäude diesen neuen Farbanstrich verpasst bekamen.

Der Kommandeur nutzte alle seine zurückgehaltenen finanziellen Reserven und ließ zudem seine guten Beziehungen zum KVM, aber auch zu den örtlichen Einrichtungen und Betrieben spielen. So bekam das Regiment für 96.000 Mark neue Hallentore für die Kfz-Hallen. Unter normalen Umständen eine schiere Unmöglichkeit.

Natürlich freute es die Mannschaften, dass ihre Stuben, Klubs, Freizeit- und Sporträume nach ihren Vorstellungen neu gestaltet wurden und nur sehr, sehr wenige Matrosen oder Unteroffiziere auf Zeit ließ diese Umgestaltung gleichgültig. Sie tapezierten, malerten und bastelten nach ihrem Ermessen recht beachtliche Dinge. Ein Sportplatz entstand, zwei Klubs mit einem richtigen Tresen im Seemannsstil wurden mit viel Ideenreichtum gebaut und entsprechend der Waffengattung mit Dekorationsstücken ausstaffiert.

Dabei war das Objekt nicht gerade überholungsbedürftig. Die Grundsubstanz stammte aus dem Jahre 1963, im Zuge der Aufstellung des Regimentes wurden eine Reihe von Neubauten errichtet. Dazu zählten neben den Startrampenhallen das Raketentreibstofflager, eine Raketenendmontagehalle, eine komplette Tankstelle, eine neue große Kfz-Werkstatt mit Ersatzteillager und natürlich ein Plattenbau als Unterkunftsgebäude. Nur das alte Heizhaus war schon sehr verschlissen, aber das konnte man wahrhaftig von heute auf morgen nicht ändern.

Wenn der Minister zur Auszeichnung kommt, dann blitzt nicht nur die Technik und das Objekt, auch der Soldat zeigt sich von seiner besten Seite. Haarschnitt, Kleidung und das ganze äußere Erscheinungsbild müssen stimmen. So geschah es, dass sich die 1. KRA in Berlin und der Rest des Regimentes im Stammobjekt mit viel Fleiß und Arbeit auf diesen Höhepunkt vorbereiteten. Polit- und Parteiarbeiter sparten sich übermäßige Argumentationen. Sie fassten selber mit an und beendeten als letzte die tägliche Arbeit. Der Oberoffizier für Jugendarbeit, Kapitänleutnant Frank Slomka, strich beispielsweise die gesamte Fassade der Bibliothek und des Kinosaales. Auch Peter Barten, ein ruhiger und bescheidener Politoffizier, fasste mit an bei der Renovierung und Neueinrichtung des Klubgebäudes.

Es ist eigentlich seltsam. Ich berichte über Menschen, die mit viel Elan und nicht wenig Stolz ihre Aufgaben erfüllten und ringsherum bröckelte und knackte es im großen Mechanismus der DDR-Volkswirtschaft. Die politische Stabilität des Landes geriet ins Wanken. Eigentlich müsste, wenn alle nach den Maßstäben gehandelt hätten, nach denen wir täglich ans Werk gingen oder alle in den Kategorien gedacht hätte, in denen wir als Berufssoldaten lebten, es uns im Lande stetig besser gegangen sein. Aber alles entwickelte sich genau umgekehrt. Den wirtschaftlichen Rückgang bemerkten wir natürlich genauso wie alle Menschen dieses Landes. Zu Hause unterhielt man sich im Familien-, Bekannten- oder Verwandtenkreis, beteiligte sich an vielen Veranstaltungen, in denen über die politische und wirtschaftliche Entwicklung der DDR sehr offen diskutiert wurde. Viele Schulungen, die das Kommando der Volksmarine unter dem Namen »Gesellschaftlich-wissenschaftliche Weiterbildung« (GWW) organisierte, verliefen jetzt nicht mehr so langweilig, sondern sehr aufgeschlossen. Thematisch und inhaltlich wurden sie interessanter, kritischer und informativer.

Sowohl die Referenten, meist Dozenten oder Professoren aus Hochschulen, Universitäten, wissenschaftlichen und kulturellen Einrichtungen, als auch wir als Gesprächspartner verließen den Raum mit neuen Erkenntnissen. Aber auch bei ernsthaften Meinungsunterschieden fiel uns nicht ein, das ganze System in Frage zu stellen. Ich schließe auch nicht aus, dass es nicht wenige gab, die das eine sagten und machten, aber das andere dachten. Ich bin vor der Wende sehr selten Menschen begegnet, die rigoros gegen den Staat DDR gekämpft und auch offen dazu gestanden haben. In diesem Zusammenhang denke ich an einen älteren Fregattenkapitän aus meiner Dienstzeit in der 6. Flottille in Dranske zurück. Er war im Dienstgrad höher als ich, aber mir disziplinarisch unterstellt. Er griff mir fachlich sehr viel unter die Arme und stand mir immer hilfsbereit zur Seite. Ich kannte aus den vielen persönlichen Gesprächen seine echte Meinung und akzeptierte sie auch, soweit sie aus meinem Blickwinkel sachlich, verständlich oder berechtigt war. Trotzdem erzählte gerade er während der offiziellen Schulungen das, was eben vorgegeben war. Natürlich veränderte er nichts mit seiner Meinung, denn keiner nahm sie wahr. Nach 25 Dienstjahren ging er nicht besonders glücklich in das Zivilleben, denn ein Disziplinarvergehen schmälerte das ehrenvolle Ausscheiden aus der Flottille.

Andererseits: Viele Soldaten, die unter meinem Kommando dienten, viele Vorgesetzte, deren Befehle ich erfüllte, vertraten ihre Meinung, ob sie den Obigen angenehm war oder nicht. Ich stellte in meinen fast zwanzig Dienstjahren fest, daß Unterstellte wie auch Vorgesetzte, die ihr Fach beherrschten und eine sehr gute Akzeptanz bei der Truppe besaßen, also mit beiden Beinen im Leben standen, gegen sachfremde Einflüsse so gut wie immun waren. Führungsvermögen und persönliches Vorbild des Kommandeurs bzw. Kommandanten waren und sind gerade bei der Marine Schlüssel für Erfolg oder Niederlage im Leben einer Boots- oder Schiffsbesatzung, aber auch an Land. Ich kannte sehr viele jüngere und ältere Soldaten, die an richtiger Stelle und zum richtigen Zeitpunkt mit allem Nachdruck Kritik übten und damit auch Erfolg hatten. Leider gab es auch viele vernünftige und ehrliche Soldaten, die durch die Dummheit und Arroganz der Partei-, Polit- und Sicherheitsorgane mundtot gemacht wurden und nur noch wenig Initiative zeigten.

Dazu ein Beispiel gerade aus den Tagen der Paradevorbereitung und der Auszeichnung zum »Besten Truppenteil«. Unser Kommandeur war in diesen Tagen ständig zwischen Berlin und Schwarzenpfost unterwegs. Das Truppenleben im Regiment war schon zu dieser Zeit trotz hoher Anspannung sehr offen und auch im Vergleich zu anderen Einheiten und Truppenteilen sehr gut organisiert. Das Wort »Militärreform in der NVA« gab es zwar zu diesem Zeitpunkt noch nicht, doch wir verbesserten viel im täglichen Dienst, auch wenn es noch Frühsport gab, und noch nicht die Zivilsachen in den Matrosenspinden hingen.

Die nicht so verbissene Dienstdurchführung schien offensichtlich einigen Politoffizieren im Kommando VM zu  freudvoll, zu anarchistisch und im Zusammenhang mit der damaligen Fluchtbewegung gen Ungarn und CSSR sogar konterrevolutionär. In dieser Situation drehte Kapitän Dix den Spieß um, erstattete dem Chef VM darüber Meldung und verbat sich solche Äußerungen. Und er hatte Erfolg damit, eben weil er mit beiden Beinen im Leben stand und den Großteil der Unterstellten hinter sich hatte.

Schade, dass es nicht überall solche Vorgesetzte und auch Unterstellte gab. Wieviel Schikane, Drill oder auch Sinnlosigkeit hätten vermieden werden können. Ob das die Armee, die DDR, das gesamte System gerettet hätte, sei dahin gestellt.

Dabei gehe ich davon aus, dass in der Marine schon immer andere Gepflogenheiten in den Beziehung zwischen den Menschen herrschten als zum Beispiel bei den Mot.-Schützen19 oder bei den Baupionieren.

Natürlich war ich und waren viele andere, genauso wie Bundeswehrsoldaten von ihrem Wertesystem, von der Richtigkeit unseres Auftrages überzeugt. Könnte irgendein Geschwaderkommandeur oder ein Flottillenadmiral der Bundesmarine seine Aufgaben erfüllen, wenn er nicht ganz der Sache, seinem Berufsideal und dem ihm übertragenen Auftrag ergeben ist?

Natürlich machten wir uns im Jahre 1989 zunehmend Gedanken. Unsere Matrosen und Unteroffiziere, die aus dem Urlaub zurückkehrten, berichteten von immensen wirtschaftlichen Problemen in ihren Heimatbetrieben. Der beginnende Zusammenbruch des SED-Staates wurde von der Masse der aufrichtig und ehrlich dienenden Soldaten auch wahrgenommen. Wer sich um Zusammenhänge bemühte, sich ständig informierte (dabei brauchte man sich nicht ausschließlich westlicher Medien zu bedienen), entwickelte für sich ein ungefähres Bild der Realität.

Den womöglich größten Fehler beging ich, weil ich aus allen noch so ungünstigen Zuständen, die mir bekannt wurden, immer versuchte, das Beste zu machen und mir vermutlich dadurch nur immer etwas vormachte. Nach diesem Prinzip arbeitete ich nicht nur, so war mein ganzes Bewusstsein.

Der Wettbewerb

Angestrengt bereiteten wir uns vor, »Bester Truppenteil« zu werden. Dieser Titel war die höchste Auszeichnung, die ein Truppenkörper im Rahmen der NVA-internen Wettbewerbsbewegung erringen konnte. Während meiner Armeezeit galt es als ehrenvoll, diesen Titel verliehen zu bekommen. Egal, ob in der RTA-6 oder an der Akademie, überall kämpfte ich mit und in den Kollektiven um den Bestentitel. Ja, gekämpft, das ist das richtige Wort, wenn auch viele Besserwisser heute sagen, dieser Titel sei verschleudert worden.

Im Wettbewerbsprogramm des KRR-18 für das Ausbildungsjahr 1988/89 und im Antrag des Kommandeurs des KRR-18 auf Auszeichnung mit dem Titel »Bester Truppenteil« stehen viele Aktivitäten, die viel Kraft und Einsatz erforderten.

Diese Dokumente zeigen aber auch, dass der sozialistische Wettbewerb in der Armee und in der gesamten DDR zwei Seiten hatte: die formale und die wirkliche Arbeit.

Auffallend ist die Sprache in solchen Dokumenten. Wir hatten uns an sie gewöhnt. Weil sie sich vollkommen an das Vokabular der herrschenden formalisierten Ideologie anlehnte, wirkte sie ermüdend und stieß auf Ablehnung wie die gesamte Praxis des sozialistischen Wettbewerbs.

Dabei hätte es durch die gesellschaftlichen Verhältnisse keine Hindernisse geben dürfen, die der Entfaltung des Wettbewerbs im Wege standen. Doch die Geschichte lehrte uns anderes. Der Wettbewerb in der Armee und auch anderswo war immer etwas Aufgesetztes, zwar nicht bis ins letzte Detail etwas von oben Befohlenes, aber eben nicht durch das Individuum Verinnerlichtes. Genau das war der Schwachpunkt dieses mit großem Aufwand betriebenen Vorgangs. Denn die Wirkkraft jeglichen Wettbewerbs liegt nur im Inneren eines jeden Menschen, nur wenn er zur Erhaltung seines Lebens beiträgt oder das Weiterkommen sichert, stellt er sich ihm. Alles andere ist Utopie.

Die andere Seite des sozialistischen Wettbewerbs waren die mit viel Mühe und enormem Einsatz erzielten Ergebnisse. In der NVA betraf es die Gefechtsausbildung und andere militärische Leistungen. Diese entstanden aber nicht aus der Wettbewerbsidee, sondern in erster Linie aus dem Willen des Einzelnen, professionell zu arbeiten, sich zu verwirklichen oder jemandem aus unterschiedlichsten Gründen zu helfen.

Die Einschätzungen über »Gefechts- und Mobilmachungsbereitschaft« waren also notwendig, die Noten für politische Einstellungen überflüssig und schädlich. Aber auch ich habe Zensuren im Politunterricht bzw. in der Gesellschaftswissenschaftlichen Weiterbildung vergeben und selbst welche bekommen. So wie diese Benotung erfolgte, baute sich das gesamte ideologische System auf. Glaubensregeln in Form »sozialistischer Grundüberzeugungen« ersetzten das Denken. Wer eine gute Note erhielt, der lag auf der Linie und hatte keinen Ärger.

Bewertet wurde im sozialistischen Wettbewerb hauptsächlich die Gefechts- und Mobilmachungsbereitschaft, aber auch die Erfüllung der Hauptaufgaben, die der Chef der Volksmarine in der jährlichen Anordnung Nr. 80 befahl. Das war das Skelett, das Fleisch bildete aber die Vielzahl von Aktivitäten, Wettstreiten und Initiativen der Armeeangehörigen und Zivilbeschäftigten. Gerade diese beruhten auf Freiwilligkeit und persönlichem Interesse. Sie beanspruchten viel Freizeit. Ungeduldige Kommandeure und berichterstattende Politarbeiter höhlten das Prinzip der Freiwilligkeit aus. Dennoch gab es viele Vorhaben, die wir im KRR-18 verwirklichten, beispielsweise bauten wir selbst ein neues Gebäude für das Wachpersonal der Technischen Zone. Noch vor Beginn des Winters konnten die Wachsoldaten dort einziehen.

Auf diese Weise entstanden auch ein Fußballplatz mit einer Kleinsportanlage, Anschauungstafeln über Schießverfahren, Darstellungen über mögliche gegnerische Kräfte in der Operationszone der VM einschließlich ihrer taktisch-technischen Daten. Selbst den zeitlich aufwendigen Ausbau eines Nahausbildungsgeländes in einem zehn Hektar großen Waldgebiet schafften wir mit eigenen Mitteln. Es entstanden für eine Abteilung Stellungen für Startrampen und andere Technikeinheiten mit verschiedenen Ausbildungsplätzen.

Bei solchen Vorhaben verließen wir uns allein auf uns selbst. Es gab keinen Betrieb, keine Firma, die sich unserer Projekte angenommen hätte – ein Zeichen mangelnder Wirtschaftskraft der DDR.

Selbst eine dienststelleneigene Sauna war zumindest in unseren Köpfen fix und fertig. Die Idee dafür entstand schon beim vorletzten Raketenschießen in Baltijsk. Als Muster galt die Sauna in Chmeljowka, die die sowjetischen Marineinfanteristen an einem See nutzten. Dort schmiedeten wir auch entsprechende Pläne mit den »Freunden«20. Das Ergebnis: Mit etlichen Kubikmetern Holz, verladen auf unseren LKWs, verließen wir die Sowjetunion. Der Bau unserer von allen gewünschten Sauna fiel den Ereignissen der herannahenden Wende zum Opfer.

Mir schien, dass das Leben im Regiment völlig entgegengesetzt zum Leben draußen verlief. Hier waren Energien, Ideen und Einsatz nur in die richtigen Bahnen zu lenken, da draußen herrschte Chaos, Unmut und Gleichgültigkeit.

Dies bestätigte sich, als mein Regiment den Ehrentitel zum 40. Jahrestag bekam. Nur drei weitere Truppenteile der NVA und der Grenztruppen, die Fliegerabwehrraketenbrigade »Erich Weinert«, das Panzerregiment »Soja Kosmodemjanskaja« und der Grenztruppenteil »Clara Zetkin« erhielten diese Auszeichnung.

Im August 1989 begann eine massenhafte Flucht von DDR-Bürgern gen Westen. Unmut und Verzweiflung über die Zustände in der DDR entluden sich in dieser Massenflucht, wie es sie seit dem Mauerbau im Jahre 1961 nicht mehr gegeben hatte. In den großen Städten der DDR kam es zu Kundgebungen und Demonstrationen, denen sich von Woche zu Woche mehr Menschen anschlossen. Die Evangelische Kirche und die Oppositionsgruppen wie das »Neue Forum« und die neugegründete Sozialdemokratische Partei meldeten sich mit den Forderungen nach Reise- und Meinungsfreiheit, nach demokratischer Parteienvielfalt und offener Medienpolitik, nach freien Wahlen und wirtschaftlichen Reformen zu Wort.

Ich vermute, dass die Staatssicherheit in dieser Zeit die sich zuspitzenden Ereignisse verfolgte, nüchtern und objektiv die für sie notwendigen Schlüsse zog. Ich glaube sogar, dass dieser Apparat vorzüglich über die Lage informierte und wohl der einzige war, der wusste, was gespielt wurde. Offensichtlich glaubte diesem Informationsmoloch keiner so richtig, nicht einmal die eigenen Auftraggeber. Ein Indiz: Schon im August 1989 wurden den Archiven der Verwaltung 200021 in unserer Dienstelle die wichtigsten Akten entnommen. Erst später erfuhr ich, dass dies auch in anderen Militärdienststellen geschah.

Was dachten und fühlten wir Soldaten in dieser turbulenten und nicht gerade spannungslosen Zeit?

Partei und Staat fielen über Nacht in eine merkbare Lethargie. Das spürten wir als erstes. Doch das machte uns nicht kopflos oder handlungsunfähig, zu mindestens kann ich das von vielen meiner Kameraden und von mir selbst behaupten. Selbst bis zum 3. Oktober 1990 gab es keinen Zeitabschnitt im Leben des Truppenteils und auch in meinem persönlichen Leben, in dem keiner mehr wusste, wie es in unserem Regiment weitergehen sollte.

Natürlich ergaben sich viele Fragen zu den Ereignissen im September und Oktober 1989, Sorgen und Ängste entstanden. Wir ärgerten uns über vieles, was wir längst wussten oder mindestens ahnten, aber was wir nicht beeinflussen konnten.

Wir ärgerten uns über das, was in der Folgezeit über unseren Staat, sowie über verschiedene Vertreter unserer militärischen und politischen Führung veröffentlicht wurde. Wir waren enttäuscht, weil wir uns mit innerer Überzeugung für die Sicherheit dieses Land eingesetzt und auch viele Opfer dafür gebracht hatten. Plötzlich zeigten sich unsere großen »Lehrmeister« nicht mehr als Herren ihrer Sache.

Mit Beginn dieses Zeitabschnittes wuchs bei uns die Fähigkeit, an uns selbst zu glauben, selbst zu entscheiden und selbst zu handeln. Es war kein großer Lernprozess (entgegen allen Unterstellungen von fehlender Selbständigkeit oder absoluter Systemabhängigkeit) dafür notwendig.

Mit dem Glauben an das eigene Ich und der Verantwortung für seine Unterstellten sind gute Offiziere groß geworden. Auch die sozialistischen Werte, die uns über Jahre gepredigt wurden, waren offensichtlich bei uns auf fruchtbareren Boden gefallen als bei den Propheten selbst.

Wir sahen im Fernsehen viele überschwängliche, glückliche Menschen mit und ohne Sektflaschen über die Ausreiseländer in die Bundesrepublik einreisen. Ich spürte keine Bindung zu diesen Menschen, hatte auch nie den Wunsch, in die »freie Welt« zu gelangen. Sechs Jahre Studium in der Sowjetunion mögen möglicherweise mein Fernweh gestillt haben.

Hinzu kam, dass ich keine Verwandten im Westen hatte. Mir war aber klar, dass der Westen genauso wenig ein Scharaffenland sein konnte wie mein Heimatland. Der vielgepredigte »Hass auf den Klassengegner« war bei mir in dem Maße ausgeprägt, wie ich mein Land vor jedem Angreifer verteidigt hätte.

In dieser Zeit verließ kein Soldat aus dem KRR-18 seine Dienstelle in Richtung Bundesrepublik. Das geschah erst im Frühjahr 1990. Zwei Matrosen verschwanden aus dem Regiment. Da ich die Vergangenheit und das soziale Umfeld der zwei Wehrdienstleistenden gut kannte, musste ich annehmen, dass sie die DDR verlassen hatten. Ich meldete nach Prüfung aller Umstände dem Chef der Volksmarine die Fahnenflucht, dieser nahm die Meldung ohne Aufsehen und Erregung zur Kenntnis. Früher hätten sich die Polit- und Parteiorgane, sowie die Verwaltung 2000 die Türklinke in die Hand gegeben. Ich hatte nun Sorge dafür zu tragen, wie der Schichtbetrieb des Heizhauses den neuen Bedingungen angepasst werden konnte. In einer Situation sich anbahnender unkalkulierbarer Entwicklung bereiteten wir uns auf den Auszeichnungsakt und die Parade zum 40. Jahrestag der DDR vor.

Die Auszeichnung

Das Äußere des Truppenteils änderte sich dank der Arbeit seiner Soldaten zusehends zum Positiven. Es blitzte fast alles und das überzeugte auch die letzten Skeptiker. Denn es macht schon viel aus, in einer gepflegten Dienststelle, die außerdem in einem schönen Waldstück der Rostocker Heide lag, zu dienen. Der Tag der Auszeichnung rückte näher.

Für den Kommandeur des Truppenteils ging damit eine wichtige Etappe seiner persönlichen Zielsetzungen dem Höhepunkt entgegen. Zuversicht, Disziplin sowie die von mir erwähnte innere Ordnung und Sauberkeit des Objektes, aber auch seiner Armeeangehörigen und Zivilbeschäftigten prägten den Alltag des KRR-18 Ende September 1989. In Lehnitz bereitete sich die 1. KRA auf die Parade in Berlin vor. Drei Tage vor dem Ministerbesuch kehrte sie in ihr Stammobjekt zurück und absolvierte die letzten Handgriffe. Die Technik der 1. KRA blieb derweil in der Nähe von Berlin.

Der 25. September 1989 zeigte sich von der besten Wetterseite. Alles war getrimmt und durchgecheckt. Auch die letzten Exerzierstunden mit dem Kommandeur liefen ordentlich über die Bühne. Es genügte zu sagen: »Wenn es klappt, dann ist die Sache damit erledigt. «  So strengte sich jeder bei der Generalprobe an. Der Minister hatte, bevor er unseren Truppenteil besuchte, die benachbarte Fla-Raketenbrigade-43 in Sanitz ausgezeichnet. Unsere Ehrenkompanie für den Empfang des Ministers trat am Eingang des Objektes mit dem Musikkorps der Volksmarine an. Kapitän zur See Dix begrüßte den Minister. Wir gingen unterdessen auf unsere Stationen, denn wir wollten unserem Gast nicht nur das Objekt im Allgemeinen, sondern auch Ausschnitte und den Stand unserer waffengattungsspezifischen taktischen und spezialfachlichen Ausbildung zeigen. Die Besatzungen hatten Startrampen, Führungs- und Nachladefahrzeuge im Nahausbildungsgelände in Stellung gebracht und präsentierten dem Minister ihr militärisches Können.

Zum Auszeichnungsakt trat der gesamte Truppenteil in Paradeuniform an. Angehörige der Berufssoldaten und der Zivilbeschäftigten standen links neben der Bühne, auf der Bühne der Chef der Volksmarine, Theodor Hoffmann, der 1.Sekretär der SED-Bezirksleitung Rostock, Ernst Timm, der 1. Sekretär der Kreisleitung Ribnitz-Damgarten, Vertreter der Politischen Verwaltung des Kommandos der Volksmarine und Freunde aus der Sowjetunion. Der Kommandeur der Marineinfanteriebrigade der Baltischen Rotbannerflotte, Gardeoberst Anatolij Otrakowskij, und der Kommandeur des Küstenraketenregiments aus Donskoje, Oberstleutnant Anatolij Budenko, waren für mich die liebsten Gäste.

Kapitän zur See Dr. Dix nahm aus den Händen des Ministers das Ehrenbanner entgegen. Danach fand der Vorbeimarsch mit Truppenfahne und Ehrenbanner statt. Es gab wohl keinen, der sich nicht anstrengte, den Exerzierschritt möglichst vorschriftsnah auszuführen. Mag der Stechschritt seine unrühmliche Vergangenheit haben und auch nicht die alleinige Vollendung militärischen Brauchtums sein, hätten wir damals gewusst, dass wir nur noch einmal, nämlich anlässlich meiner Dienstübernahme, ihn »klopfen« durften, so hätten wir ihn noch exzellenter ausgeführt. Nach dem offiziellen militärischen Teil stand ein gemeinsames Abendessen mit dem Minister und Vertretern aller Bereiche des KRR-18 auf der Tagesordnung. Es war in der Flotte üblich, dass bei solchen Anlässen Tischreden gehalten wurden.

Heinz Keßler sprach als Mitglied des ZK und des Politbüros über die gegenwärtige politische und wirtschaftliche Lage der DDR. Im Gegensatz zu anderen Politbüromitgliedern verspürte ich bei ihm eine nicht zu überhörende Ungewissheit. Ich hatte den Eindruck, als wenn er selbst nicht mehr an seine Weltanschauung glaubte. Er schaute bei seinen Ausführungen niemandem in die Augen; obwohl ich öfter seinen Blick auffing, wich er aus. Ich fühlte, dass er wesentlich mehr wusste, als er uns sagte. Als er uns zu unserem Erfolg gratulierte, muss er schon gewusst haben, wie sinnlos diese Worte waren. Ich spürte ein gewisses Mitleid und dass hier Grundlegendes auf dem Spiel stand.

An den folgenden Tagen sprachen wir im Regiment über den Ministerbesuch. Viele empfanden das zwischen den Zeilen Stehende in seiner Rede nicht so. Für mich war aber gefühlsmäßig klar, dass Entscheidendes sich für unser Land und für unsere Armee anbahnte.

Die Militärparade

Nach der Auszeichnung unseres Truppenteils mit dem Bestentitel zog noch nicht der Alltag ein. Der letzte Meilenstein im Ausbildungsjahr, die Parade in Berlin, stand noch bevor.

Das Personal der 1. KRA kehrte in seinen Trainingsraum nach Lehnitz zurück und verlegte am 28. September mit der gesamten Technik direkt nach Berlin. Eine Woche vor dem 7. Oktober bekam ich den Befehl, gemeinsam mit dem Kommandeur nach Berlin zu fahren und als sein Double das Trainingsprogramm zu absolvieren. So nahm ich an der letzten Parade der NVA teil. Untergebracht waren wir in einer großen, neuen Kaserne in Berlin-Biesdorf. Über dem Objekt kreisten kleinere Sportflugzeuge u.a. vom Typ Cessna. Wahrscheinlich fotografierten die Besatzungen die abgestellten Raketen, Startrampen und sonstigen Technikeinheiten der Luftverteidigung, der Marine und der Raketentruppen der Landstreitkräfte. Offensichtlich bestand zu diesem Zeitpunkt ein nicht geringes Interesse bei den militärischen Geheimdiensten.

Die SSR vom Typ »Rubesh« waren aus mir unerklärlichen Gründen zuerst in der Volksmarine und dann erst Jahre später in der Baltischen Rotbannerflotte eingeführt worden.

Noch im Oktober 1989 galt der Paradetechnik ein nicht geringes Interesse der Militärverbindungsmissionen (MVM) und Nachrichtendienste westlicher Staaten. Auch beim Verlassen der Objekte klickten die Fotoapparate und surrten die Videokameras aus den Fahrzeugen der westlichen Alliierten, die sich ganz offen an den Ausfallstraßen postiert hatten.

Unser Kommandeur hatte schon bei den letzten Besuchen seiner Truppe in Berlin recht gute Beziehungen zu den Kommandeuren der anderen Truppenteile aufgenommen, so dass die Verständigung sehr gut lief. Nach kurzer Begrüßung begann das Training. Mir fiel auf, dass in den Truppenteilen der anderen Teilstreitkräfte das Verhältnis insbesondere zwischen den Vorgesetzten und Unterstellten anders war als bei uns. Dort herrschte viel Druck und auch teilweise Angst. Wenn ein höherer Offizier, geschweige denn ein General, zu den Truppen in den Park kam, begannen die Soldaten plötzlich ihre Technik eifriger zu putzen und zu wienern. Die Unterhaltung zwischen den Vorgesetzten und den Untergebenen war ziemlich einseitig und die Sprache barsch. Zufriedene Vorgesetzte sah ich selten. Bei uns in der Marine herrschte ein offeneres Verhältnis und unser Kommandeur förderte das.

Als sich beispielsweise Fregattenkapitän Jürgen Galda in Berlin ein Boot kaufte, sollte dies eine zünftige Schiffstaufe erhalten. Der Eigentümer überlegte nicht lange und wählte den Namen »Dixi« – zu Ehren unseres Kommandeurs Dr. Dix. Die Taufe fand mangels Gelegenheit nicht am Wasser, sondern inmitten der Startrampen und der Technik im Biesdorfer Objekt statt. Sekt, Marineuniform und Seemannslied taten das Übrige.

Paradeteilnehmer der anderen Teilstreitkräfte erlebten nicht nur eine zünftige Schiffstaufe, sondern sahen, wie entspannt und normal ein Kapitän zur See, also ein Vorgesetzter, mit seiner Truppe umging.

Diese maritime Lehrstunde zwischenmenschlicher Beziehungen verfehlte ihre Wirkung nicht, denn viele sprachen noch Tage danach davon. Unser Kommandeur stärkte damit seine Autorität nicht nur in seinem Regiment, sondern auch im Paradeverband.

In Berlin besuchten uns Vertreter unserer Pateneinheit, Angehörige der Abteilung Sicherheit des Palastes der Republik. Sie standen wahrscheinlich sehr eng mit der Staatssicherheit in Verbindung, wenn sie nicht selbst Angehörige dieses Organes waren. Auch aus ihren Erzählungen entnahmen wir, dass die politische Lage, besonders in Berlin, ziemlich angespannt war. Ihre Aussagen passten in das große unfertige Mosaik der gesellschaftlichen Entwicklung in der damaligen DDR. Daraus Entschlüsse für eigene Handlungen abzuleiten, wäre richtig und notwendig gewesen, hätte aber auch keine Veränderung in meinem persönlichen Leben nach sich gezogen. Wir orientierten uns an unserer Lebensumwelt und schätzten deshalb die Lage nicht so dramatisch ein, wie sie Insider bewerteten.

Deshalb fiel es uns auch nicht schwer, eine Dampferfahrt mit der »Weißen Flotte« in den wirklich idyllischen Gewässern um Berlin zu unternehmen. Wir sahen auch keine Veranlassung, unsere Marineuniform zu dieser Seefahrt abzulegen. Obwohl mancher Soldat in dieser Zeit schon lieber Zivilkleidung als Uniform in der Öffentlichkeit trug, erlebten wir im vollen Wichs einen schönen Tag auf dem Wasser.

Die letzten Trainings standen bevor, dabei die nächtliche Generalprobe am 6. Oktober. Mit Einbruch der Dunkelheit verließen die darstellenden Kräfte nach abgestimmtem Plan die Objekte und begaben sich ins Zentrum der Hauptstadt. Nichts Auffälliges unterbrach das Training. An anderer Stelle erzählte man, dass sich Kriegsgegner vor Panzer gelegt haben sollen. Bestimmt gab es solche Ereignisse, ich traf aber keinen Augenzeugen.

Als sich an den verschiedenen Kreuzungen die Paradetruppen, besonders die vielen Panzer, auf der Frankfurter und Karl-Marx-Allee formierten, dachte ich zum ersten Mal daran, dass die immer stärker werdende Protestbewegung in der DDR ein militärisches Eingreifen auslösen könnte. Ich erinnerte mich plötzlich an die Worte des Ministers in unserem Truppenteil. Ich konnte mir eine »chinesische Lösung« in den Großstädten der Republik auf keinen Fall vorstellen. Ich beurteilte die Situation zwar als kritisch, aber nicht als gefährlich. Ich wusste, dass Truppenoffiziere nicht bereit waren, das Volk mit Panzern zu überrollen. Hätten uns irgendwelche Hooligans oder andere Chaoten auf dem Marsch überfallen, so hätten wir schon gewusst, uns mit einfachen Mitteln zu helfen, denn Waffen hatten wir nicht am Mann. Auch gegen Farbschmierereien oder Farbbomben waren wir mit entsprechenden Gegenmitteln ausgerüstet. Doch es blieb ruhig.

Am Abend besuchten uns lediglich britische Offiziere, die  unsere Rampen vom Bürgersteig aus fotografierten. Dagegen war nichts einzuwenden.

Die Generalprobe verlief ohne Vorkommnisse, und da es auch keine Wiederholung gab, gingen wir davon aus, dass die Generalprobe »im Kasten« war. Beim Vorbeimarsch an der Ehrentribüne und an den vielen TV-Kameras achteten wir besonders auf die seitliche Ausrichtung zum Nachbarfahrzeug, die Haltung und Grußerweisung der Kommandeure sowie die Haltung der Kraftfahrer am Steuer und natürlich auf den parademäßigen Zustand der Technik.

Am nächsten Tag wies der Paradestab nochmals auf kleinere Mängel hin und wertete den paradeinternen Wettbewerb aus. Dieser bewegte sich zeitweilig auf Kindergartenniveau, wurde mit einem nicht zu rechtfertigenden Aufwand betrieben.

Am 7. Oktober regnete es leicht. Wie zum Training verließen die ungefähr 200 Fahrzeuge auf Rädern und Ketten in den frühen Morgenstunden das Biesdorfer Objekt. Auch hier standen unmittelbar an der Ausfahrt die Fahrzeuge der MVM und aus allen Lagen wurde gefilmt und fotografiert. Zügig gelangten wir in das Zentrum der Hauptstadt. Unterwegs, ab dem Stadtteil Lichtenberg verstärkt, fiel mir die Sicherung der Zufahrtstraßen durch die Staatssicherheit auf. Es spazierten immer zwei Herren, in der Hand einen Einkaufsbeutel mit dem obligaten Schlagstock, durch die Straßen. Soviel morgendliche Flaneure hatte ich noch niemals gesehen. Später erfuhren wir, dass »unzuverlässige Bürger«, deren Wohnungen an der Paradestraße lagen, ihre Behausungen verlassen mussten. Der Staat sicherte sich und seinen Feiertag mit allen Mitteln ab. Trotzdem winkten uns viele, viele Menschen zu, besonders natürlich Kinder. Wir winkten zurück. Ich gehe dabei davon aus, dass es sich nicht nur um Kinder systemtreuer Eltern handelte. Unser Truppenteil formierte sich in der Frankfurter Allee. Mein Aufstellungsraum befand sich, entsprechend meiner Aufgabe als Kommandeursdouble, in unmittelbarer Nähe der Ehrentribüne, gegenüber der Mokkabar »Moskwa«. Hier standen wir ab sechs Uhr. Wir trugen alle Paradeuniform. Da es immer wieder regnete, schützten wir uns im offenen Jeep bis acht Uhr mit einem »Shukow« – einem blauen Überhang, wie ihn Marschall Shukow oft getragen hatte. Dann legten wir ihn ab, denn die ersten Gäste kamen. Wir beobachteten das Treiben auf den breiten Bürgersteigen. Auch hier Sicherheit allüberall. Die gesamte Reserve- und Bergetechnik nahm in diesem Bereich Aufstellung. Die Jungs, die im Fall eines defekten Fahrzeugs dieses bergen und abtransportieren sollten, beherrschten ihr Handwerk. Ehe man sich einmal umgedreht hätte, wäre ein liegengebliebener Panzer oder ein anderes Fahrzeug von der Paradestrecke verschwunden gewesen und gleichzeitig hätte sich das bereitstehende Reservefahrzeug anstelle der geborgenen Technikeinheit eingefädelt. Niemandem wäre dies auf der Tribüne aufgefallen.

Als die Reserve- und Bergefahrzeuge ihre Stellung bezogen hatten, bewegten sich die Paradetruppen bis zur Ausgangslinie, die sich genau vor unserem Fahrzeug befand. Den Anfang der motorisierten Truppen bildeten immer die Fallschirmjäger aus dem Luftsturmregiment-40 »Willi Sänger«. Sie gaben eine Reihe von Schaueinlagen, die nicht nur den immer zahlreicheren Besuchern gefielen, sondern auch uns die Zeit vertrieben. Es gehört schon immense Selbstbeherrschung und viel Training dazu, solche auf Bruchteile von Sekunden abgestimmten Befehle auszuführen, wie Absitzen, die Fahrzeugtür einheitlich hörbar schließen und vieles andere mehr. Eine tolle Schau. Es muss auch eine Tradition bei den Fallschirmjägern gegeben haben, denn auch Reservisten trafen sich hier zur Parade. So standen viele ehemalige Angehörige des Regimentes am Straßenrand. Sie feuerten ihre Kameraden an, trafen sich während einer Pause mit ihren Vorgesetzten und leerten so manche Flasche, die dann oft klirrend zu Boden fiel.

Punkt 10 Uhr, mit Glockenschlag vom Roten Rathaus, begann die Parade. Die Nationalhymne der DDR erklang. Die Menschen hinter uns, die an den Straßenrändern standen, nahmen die Hymne kaum zur Kenntnis, sie erzählten lautstark, johlten und soffen. Auch hier empfand ich, dass besonders junge Leute bestimmte Normen einfach nicht mehr akzeptierten. Auch wenn die amerikanische Hymne gespielt worden wäre, hätte sich das Bild nicht geändert. Bei der bundesrepublikanischen wäre ich mir nicht ganz sicher gewesen, aber dafür war die Zeit noch nicht reif genug.

Mit Meldung des Durchführenden, Generaloberst Stechbarth, an den Minister, beherrschte das Militär die Szene. Marschmusik, Befehle, dann Motorengeräusche und Abgase. So ging es fast zwei Stunden. Man zeigte der Weltöffentlichkeit, dass die DDR ein starkes Waffenpotential besaß und eine Armee, die bereit war, ihre Aufgaben im Rahmen der Vereinten Streitkräfte zu erfüllen. Die Parade verlief problemlos. Kein Fahrzeug blieb auf der Karl-Marx-Allee stehen.

Auch unser Truppenteil marschierte an der Tribüne vorbei, von der uns alle Repräsentanten des östlichen Blocksystems grüßten – von Gorbatschow über Honecker bis Ceausescu.

Der Gorbatschow-Besuch hing wie ein Damoklesschwert über der politischen Szene in der DDR. Trotz vieler Hinweise und Empfehlungen der sowjetischen Seite zeigte sich die SED-Führung nicht gewillt, ihren Kurs zu ändern und eine umfassende Erneuerung einzuleiten. In diesem Zusammenhang prägte der erste Mann der Sowjetunion die Worte: »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. «

Doch das Leben hatte schon begonnen, Gorbatschow zu bestrafen, ohne dass er es selbst ahnte. Er wollte ein sozialistisches Vorzeigekind, vergaß aber, dass es dazu einen Vorzeigevater gebraucht hätte. Honecker gebärdete sich als ein bockiges Kind und ignorierte seine Abhängigkeit total. Er meinte, mit DDR-Mark die Welt erobern zu können.

Auf dem Rückmarsch nach Biesdorf winkten uns wieder viele Menschen zu. Im Objekt bereiteten wir alles für die geplante Rückverlegung nach Schwarzenpfost vor. Um 19 Uhr fuhren wir auf der Autobahn Richtung Rostock. Die Parade in Berlin war Geschichte, wie bald vieles Geschichte sein sollte.

Zur gleichen Zeit fand am 7. Oktober, unter großer Anteilnahme der Bevölkerung, an beiden Ufern der Warnow eine Flottenparade der Volksmarine statt. Anlässlich der Feier zum 40. Jahrestag liefen Schiffe der Baltischen Flotte und der Polnischen Seekriegsflotte zu offiziellen Besuchen in Rostock ein. Zu den Verbänden gehörten von sowjetischer Seite das große U-Bootabwehr-Schiff (UAW) »Slawny«, das Küstenschutzschiff »Bditjelny« und ein Landungsschiff. Admiral Iwanow, Chef der Baltischen Flotte, leitete die sowjetische Delegation. Vizeadmiral Kolodziejczyk, Chef der Polnischen Seekriegsflotte, befehligte einen Raketenzerstörer und ein MAW-Schiff.

Der sowjetische Brigadechef erfüllte neben dem großen militärischen Auftrag auch einen kleinen privaten. Als die sowjetischen Waffenbrüder von der Marineinfanterie und von den Küstenraketentruppen der Baltischen Flotte im September anlässlich der Auszeichnung unseres Truppenteils bei uns weilten, versprachen sie, beim nächsten Flottenbesuch in Rostock-Warnemünde ein duftendes Geschenk mitzubringen. Frischer Knoblauch gehörte in der DDR zu den Mangelwaren. Als wir nun am Passagierkai in Warnemünde die sowjetischen Schiffe besichtigten, überreichte uns der Chef der UAW-Schiffsbrigade einen großen Karton mit Knoblauchzehen.

Nicht nur wegen des duftenden Geschenks erinnere ich mich an diese Episode, sondern vor allem deshalb, weil uns das letzte Mal ein sowjetisches Kriegsschiff besuchte.

“Inhalt”