März 2026

1. März 1956: Gründung einer deutschen Friedensarmee

Ein Beitrag im Nachrichtenmagazin Hintergrund, Ausgabe 3-4-26 von Frank Schumann

Am 1. März, vor 70 Jahren wurde die Nationale Volksarmee der DDR gegründet.

Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen, sagte man in der sowjetisch besetzten Zone, aus der 1949 die Deutsche Demokratische Republik wurde. Nach der Gründung der Bundesrepublik. Die Bildung des westdeutschen Separatstaats besiegelte die endgültige Spaltung Deutschlands. Mit allen Konsequenzen. Der westdeutschen Wiederbewaffnung in den frühen Fünfzigern inklusive Bildung der Bundeswehr und Beitritt zur NATO folgten in der DDR die Formierung einer Nationalen Volksarmee (NVA), die dem östlichen Verteidigungsbündnis beitrat, dem Warschauer Vertrag.
      Also von der Führungsmacht siegen lernen. Das nahmen auch die ostdeutschen Uniformschneider wörtlich. Trugen schon seit 1952 die Angehörigen der Kasernierten Volkspolizei (KVP) eine khakifarbene Kluft, die nicht nur in der Farbe, sondern auch im Schnitt der sowjetischen sehr nahekam, so taten es erst recht die Entwürfe der Uniformen für die Soldaten der NVA. Die Bildung der DDR-Armee qua Gesetz war am 18, Januar 1956 vom Parlament beschlossen worden. Bis zum 1. März – seither als Tag der NVA feierlich begangen – sollten die Stäbe und Verwaltungen einsatzbereit sein. Zuvor gab es eine Ausstellung der geplanten militärischen Gewandung im einstigen Zeughaus der Preußenkönige neben der Neuen Wache, an deren Wiederherstellung als Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus seit einigen Jahren schon gearbeitet wurde. (Einige Kleingeister hatten das während des Krieges ausgebrannte Bauwerk von Karl Friedrich Schinkel abreißen wollen, was der sowjetische Kulturoffizier Alexander L. Dymschitz jedoch verhindert hatte.) Im Zeughaus wo sonst! -, nunmehr Museum für Deutsche Geschichte in der DDR-Hauptstadt, standen die Figurinen mit den geschneiderten Entwürfen für die künftigen Vaterlandsverteidiger. Eine Abordnung führender Militärs, an ihrer Spitze der einstige Befreier Berlins und Chef der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD), Georgi Konstantin Shukow, musterte aufmerksam die Muster. Marschall Shukow war seit Anfang 1955 sowjetischer Verteidigungsminister und in dieser Funktion nach Berlin gekommen, wo er auch vom Staatsoberhaupt begrüßt worden war. Die Begutachtung der Uniformen war nicht minder wichtig wie die Visite bei Wilhelm Pieck. Nachdem also der Marschall mit kritischen Blicken die Entwürfe besichtigt hatte, die ihm sehr vertraut waren, sagte er höchst unzufrieden zu seinen DDR-Begleitern: »Ihr seid eine deutsche, keine sowjetische Armee. Also tragt auch gefälligst deutsche Uniformen.«
     Es steht dahin, ob diese Äußerung, die eine Anweisung darstellte,  in Reflex auf die Ausstattung der Bundeswehr war. Deren Uniformen waren der der US Army nicht unähnlich.
      Auf einen solchen Gedanken waren die führenden Köpfe der Nationalen  Volksarmee der DDR schon aufgrund ihrer antifaschistischen Überzeugung nie gekommen. Im bekannten Steingrau waren im Ersten und im Zweiten Weltkrieg deutsche Soldaten über die Nachbarvölker hergefallen. Solcherart Uniformierte knallten mit Soldatenstiefeln im Stechschritt bei Siegesparaden über den Asphalt. Stopften sich die Breeches, also die Reiterhosen, in die Knobelbecher und nahmen den Helm ab zum Gebet… Dieses Erbe
sollten sie übernehmen? Nun, von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen, sagten sich die deutschen Militärs, von denen nicht wenige einst hinter der Front als kriegsgefangene Wehrmachtsoldaten in Antifaschulen ihren Horizont erweitert hatten. Die sowjetischen Genossen werden sich dabei schon etwas denken …
      So kam denn auch der Stahlhelm M45, Typ B II, zum Einsatz. Der war seit 1943 vom Heereswaffenamt entwickelt und im Dezember 1943 zum Patent angemeldet worden. Doch das Führerhauptquartier lehnte die Serienproduktion im Herbst 1944 ab: Wozu noch eine neue Haube, wo der Krieg doch schon verloren war?
      Die Eisen- und Hüttenwerke in Thale mit Oberingenieur Erich Kisan hatten fünfzig Ansichtsexemplare produziert – 1956 begann die gleiche Mannschaft mit der Entwicklung des M56, der dann im folgenden Jahr für die NVA in Serie ging …
So kam es denn zu der Situation, dass die beiden deutschen Armeen sich nur in der Umkehrung glichen: Die Fassade der Bundeswehr war völlig neu – hingegen waren Geist und Führung der Truppe vom alten reaktionären Schrot und Korn. Bei der NVA schien sich äußerlich nur wenig verändert zu haben, doch Auftrag und Personal waren gänzlich neu und anders. Zum ersten Mal gab es in der deutschen Militärgeschichte einen Bruch mit unsäglicher Tradition: Von deutschem Boden sollte nie wieder Krieg ausgehen, was den nachmaligen Verteidigungsminister Heinz Keßler zu der Feststellung brachte, dass die NVA ihre Mission verfehle, sollte sie jemals in einem Ernstfall ausrücken müssen. Ihr Klassenauftrag heiße den Frieden zu sichern, nicht Krieg zu führen. (Der MG-Schütze Keßler war übrigens drei Wochen nach dem Überfall auf die Sowjetunion aus der vorwärtsstürmenden Wehrmacht getürmt und zur Roten Armee übergelaufen, wofür ihn das Reichskriegsgericht in Abwesenheit zum Tode verurteilte und seine Mutter ins KZ Ravensbrück deportierte. Keßler gründete mit anderen Ehemaligen 1943 in Krasnogorsk das Nationalkomitee »Freies Deutschland« und kämpfte in der Antihitlerkoalition für die  Befreiung des Kontinents vom Faschismus, während zur selben Stunde beispielsweise der Wehrmacht-Leutnant Helmut Schmidt – später Kanzler der Bundesrepublik Deutschland – Leningrad belagerte. Etwa eine Million Menschen starben dort, er bekam das Eiserne Kreuz II. Klasse. Wie er am Lebensende gestand, habe er in Russland getötet. »und die Toten waren nicht nur Soldaten sondern auch Zivilisten«1.
     Die Nationale Volksarmee war zunächst eine Freiwilligenarmee, erst ab 1962 bestand Wehrpflicht. Und weil es viele junge Männer gab, die aus Gewissensgründen den Dienst mit der Waffe verweigerten (nicht nur Tucholsky meinte, dass Soldaten potenzielle Mörder seien, und das 5. Gebot lautete schließlich. »Du sollst nicht töten.«), konnten die Wehrpflichtigen auch als Bausoldaten anderthalb Jahre dienen. Seit 1964 gab es die »Spatis«, so genannt, weil ein Spaten die Schulterstücke zierte.
Das war nicht nur einmalig im gesamten Ostblock, sondern auch international der Zeit weit voraus: Erst 1987 erklärte die UNO-Generalversammlung das Recht zur Kriegsdienstverweigerung zu einem Menschenrecht. In der DDR, dem nachmals geschmähten »Unrechtsstaat«, war dieses bereits seit über zwanzig Jahren verbrieft.
      Im Unterschied zu früheren deutschen Armeen war die DDR an keiner militärischen Aktion außerhalb ihrer Grenzen beteiligt. Kein deutscher Panzer rollte 1968 in die benachbarte
ČSSR, die DDR verweigerte die Teilnahme an der konzertierten Aktion des Warschauer Vertrages. Ulbricht erinnerte die Führungsmacht daran, dass im März 1939 deutsche Soldaten in Feldgrau Prag besetzt hatten, das werde sich nicht wiederholen- erklärte er. Die bereits in Marsch gesetzten NVA-Einheiten stoppten vor der Grenze. Auch als 1981 das Kriegsrecht in Polen verhängt wurde und alle Welt mit einer vergleichbaren Reaktion der Verbündeten rechnete, blieben die NVA+Einheiten in den Kasernen. Wie eben auch im Herbst `89. Keine Gewalt! Es rollten weder Panzer durch Leipzig noch wurden Blutkonserven und Leichensäcke bereitgestellt, wie mehrere Bundespräsidenten Jahre später wahrheitswidrig behaupteten. Das Volk der DDR und seine bewaffneten Kräfte- die Volksarmee satorisches Niveau. Davon kann man heutzutage nur noch träumen. Hierzulande und weltweit. Säbelrasseln ist inzwischen Alltagsmusik.
      Mit der DDR gingen auch ihre Streitkräfte unter. Am 03.Oktober 1990 zählte man noch etwa 90.000 NVA-Soldaten, weit weniger als ein Viertel wurde von der Bundeswehr übernommen – für zwei Jahre, Damals schwadronierten Politiker von der »Armee der Einheit«. Bis Ende 1998 schrumpfte jedoch der Anteil der Ex-NVA-Soldaten auf 9.300. Ein Vierteljahrhundert nach der »Einheit« hatten lediglich zwei von zweihundert deutschen Generalen einen ostdeutschen Hintergrund. Die Mehrheit der DDR-Berufssoldaten, zumeist qualifizierte Spezialisten mit Hochschul- oder Fachschulabschluss, gingen in die Wirtschaft. Und behaupteten sich dort. Ihr Erfolg gründete nicht zuletzt auf der soliden Ausbildung, die sie in der DDR erfahren hatten, Sie bestätigten auf beeindruckende Weise, wie recht doch der westdeutsche Historiker Arnulf Baring mit seiner Behauptung über die Ostdeutschen hatte: »Viele Menschen sind wegen ihrer fehlenden Fachkenntnisse nicht weiter verwendbar. Sie haben einfach nichts gelernt was sie in eine freie Marktgesellschaft einbringen könnten.«2
      So wie etwa Fregattenkapitän a.D. Klaus-Peter Gödde, Kommandeur des Küstenraketenregiments-18, im April 1991 als Leiter des Nachkommandos aus der Bundeswehr entlassen, danach Logistikleiter in einem Lagerkomplex in Ramstein, unweit der Air Base der US Air Force. Über seinen Arbeitsplatz donnerten täglich Militärtransporter entweder mit tödlicher Fracht für Kriegsgebiete oder mit Särgen, die in die USA geflogen wurden. 2017 ging Gödde in Rente und trug die Lebensläufe von Kameraden zusammen.3 Keine nostalgischen Heldengesänge, sondern eine nüchterne Bilanz von ehemaligen NVA-Soldaten. Vorangestellt ein Spruch. »Dieses Buch ist allen NVA-Angehörigen gewidmet, die beitrittsbedingt, ihre Armee haben verlassen müssen, um sich gemeinsam mit ihren Familien eine neue Existenz aufzubauen,« Ein angemessenes Geschenk zur Gründung der Nationalen Volksarmee der DDR vor siebzig Jahren.

1 Neue Zürcher Zeitung, 28. Mai 2024
2 Arnulf Baring, Deutschland, was nun?, Siedler, München 1991, S.59
3 Klaus-Peter Gödde, Ausgemustert, Deutscher Militärverlag, Berlin 2025